Vienna Synchron Stage: So entsteht eine Orchesteraufnahme

Wie entsteht eine professionelle Orchesteraufnahme für Filmmusik? In der Vienna Synchron Stage greifen Raumakustik, detaillierte Planung, umfangreiche Mikrofonierung, analoge Audiotechnik, digitales Signalmanagement und ein eigenes Monitoring ineinander.

Chief Mixing & Recording Engineer und Technical Director Bernd Mazagg und seine Kollegen zeigen die technischen Abläufe hinter einer Recording Session.

Zwei Stages für unterschiedliche Aufgaben

Die Vienna Synchron Stage verfügt über zwei Stages. Im Interview beziffert Bernd Mazagg die Fläche der großen Stage A auf 570 Quadratmeter und ihre Höhe auf 10,5 bis 12,5 Meter. Die aktuellen technischen Angaben der Vienna Synchron Stage nennen dagegen 540 Quadratmeter und eine Raumhöhe von 10,5 bis 12 Metern.

Daneben gibt es die kleinere Stage B, die beispielsweise genutzt werden kann, um Klavier oder Harfe getrennt vom Orchester aufzunehmen. Zusätzliche Iso Booths stehen für kleinere Besetzungen, Soloinstrumente oder Stimmen zur Verfügung.

Aufnahme in einzelnen Sections

Bei der im Video begleiteten Produktion wird das Orchester nicht komplett gleichzeitig aufgenommen. Stattdessen erfolgt die Aufnahme in einzelnen Sections. Zunächst stehen Streicher auf dem Programm, anschließend Woodwinds und Klavier, danach folgen Blech und Percussion.

Bevor die eigentliche Session beginnt, gibt es einen Setup-Tag. Grundlage für die Mikrofonierung ist ein vom Recording Engineer ausgefülltes Google Sheet. Darin ist festgelegt, welche Mikrofone an welchen Positionen verwendet werden sollen.

Technical Manager Roland Tscherne überträgt diese Planung anschließend in einen CAD-Plan. Darin sind sowohl die Positionen der Musikerinnen und Musiker als auch die Mikrofonpositionen eingezeichnet. Konzentrische Halbkreise um den Dirigenten dienen dabei als Bezugssystem. Mit einem Laser werden die Positionen auf die Stage übertragen. Jedes Pult wird einzeln eingemessen und soll mit einer Genauigkeit von ungefähr fünf Zentimetern an der vorgesehenen Stelle stehen.

Bis zu 90 Mikrofone

Bei einer Produktion können 70, 80 oder 90 Mikrofone zum Einsatz kommen. Entsprechend wichtig ist die Kontrolle der Signalwege. Das Team prüft jedes Mikrofon einzeln mit einem kleinen Gerät, das einen kontinuierlichen Klickton erzeugt. So lässt sich kontrollieren, ob beispielsweise das Mikrofon für die erste Posaune tatsächlich auf dem vorgesehenen Kanal am Mischpult und in Pro Tools ankommt.

Eine zentrale Rolle spielt das selbst gebaute Hauptmikrofonsystem. Am sogenannten Tree können laut Mazagg bis zu 18 oder 20 Mikrofone hängen. Bei einer Dolby-Atmos-Produktion werden allein zwölf Mikrofone benötigt, um das entsprechende Format abzubilden. Hinzu kommen weitere Stereo- und Zusatzmikrofone.

Das Hauptsystem soll ungefähr den Höreindruck wiedergeben, den auch der Dirigent auf der Stage hat. Das ist für die Kommunikation wichtig: Sprechen Recording Engineer und Dirigent beispielsweise über die Balance einzelner Instrumentengruppen, sollen beide von einer vergleichbaren klanglichen Grundlage ausgehen.

Analoger Signalweg bis zum Mischpult

Der Signalweg vom Mikrofon bis zum Pult ist analog. Vom Mikrofon führt das Kabel zunächst zu Stageboxen, von dort über Multicores zu Wandanschlüssen und anschließend über mehrpolige Harting-Verbindungen in den Control Room zur Patchbay.

Dort kann der Recording Engineer entscheiden, ob das Mikrofonsignal direkt zum Mischpult geführt oder zuvor über einen externen Vorverstärker geschickt wird. Zur Auswahl stehen unterschiedliche Preamps. Mazagg beschreibt sie als eine Art klangliche Farbpalette.

Erst hinter dem Channel Output wird das Signal auf dem Weg zu Pro Tools von analog nach digital gewandelt. Der Ausgang von Pro Tools wird anschließend wieder in ein analoges Signal umgesetzt, da die weitere Signalverarbeitung in der SSL Duality analog erfolgt.

Parallel kommt Dante zum Einsatz. Damit lassen sich Signale innerhalb des Gebäudes in unterschiedlichen Räumen abgreifen. Nach Angaben von Tscherne ist die Latenz niedrig genug, um darüber auch das Monitoring der Musikerinnen und Musiker zu betreiben.

SSL Duality mit 96 Kanälen

Im Control Room arbeitet das Team mit einer SSL Duality mit 96 Kanälen. Je nach Größe und Instrumentierung einer Produktion können laut Mazagg tatsächlich alle 96 Kanäle belegt sein.

Bei der Signalbearbeitung verfolgt Mazagg einen zurückhaltenden Ansatz. Entscheidend ist zunächst die richtige Mikrofonposition. Bevor ein Klang mit dem Equalizer korrigiert wird, stellt sich deshalb die Frage, ob sich das gewünschte Ergebnis nicht besser durch eine andere Mikrofonposition erreichen lässt.

Entsprechend bleiben die Kanäle weitgehend unbearbeitet. Mazagg verwendet vor allem Filter, um Frequenzbereiche zu entfernen, die für das jeweilige Instrument nicht benötigt werden. Mikrofone, Preamps, Orchester und Raum sollen bereits die Grundlage für den gewünschten Klang liefern.

Große und immersive Abhöre

Als große Abhöre kommen ADAM-Lautsprecher zum Einsatz. Das große Setup soll die Dimension des Orchesters entsprechend wiedergeben. Daneben gibt es eine kleinere Abhöre, die als Auro-3D-Setup aufgebaut ist und für Immersive Sound genutzt werden kann.

Auch Remote Sessions sind Teil des Workflows. Befinden sich Mixing Engineer oder Composer nicht vor Ort, erhalten sie einen Stereo-Feed. Die Kommunikation in Gegenrichtung erreicht nicht nur den Recording Engineer, sondern kann auch zum Dirigenten, zum Monitormischer und direkt auf die Kopfhörer der Musikerinnen und Musiker geführt werden.

Zwölf Monitorwege für das Orchester

Für das Monitoring ist Stephan Huber zuständig. Zum Einsatz kommt ein SSL System T, das hier für die verschiedenen Musikergruppen genutzt wird.

Bis zu zwölf Mono-Aux-Wege können ausgegeben werden. Einzelne Gruppen erhalten darüber jeweils eigene Mischungen, beispielsweise aus Klick, Prelays, dem eigenen Signal, anderen Instrumentengruppen und der Kommunikation aus der Regie.

Das Team hat dafür ein Basistemplate entwickelt, mit dem eine Session gestartet wird. Änderungswünsche kommen anschließend beispielsweise von den jeweiligen Stimmführern. Bei Tutti-Sessions, bei denen das komplette Orchester spielt, benötigen die Musikerinnen und Musiker andere Gruppen teilweise gar nicht auf dem Kopfhörer, weil sie diese bereits ausreichend im Raum hören. Auch der Dirigent erhält einen eigenen Stereo-Kopfhörermix.

Processing findet im Monitoring normalerweise kaum statt. EQs werden in der Regel nicht eingesetzt. Bei Kommunikationswegen kann bei störenden Hintergrundgeräuschen gegebenenfalls ein Denoiser verwendet werden.

Eine Besonderheit ist der Arbeitsplatz selbst. Fader-Tiles und zwei Touchscreen-Monitore stammen von SSL, das dazugehörige Gerüst wurde individuell aus Walnussholz gefertigt. Höhe und Winkel des Pults sowie die Position der Bildschirme können angepasst werden.

Bis zu zwölf Kameras parallel

Neben Audio gehört auch Video zum Produktionsablauf. Martin Pauser zeigt im Video-Serverraum die entsprechende Infrastruktur. Von Stage A führen SDI-Leitungen direkt dorthin. Bis zu zwölf Kameras können gleichzeitig auf HyperDecks aufgezeichnet werden.

Die Systeme sind sowohl per Timecode als auch per Genlock synchronisiert. Nach der Aufnahme werden die Dateien automatisch übertragen und Proxies berechnet, sodass anschließend direkt mit einem Multicam-Schnitt begonnen werden kann.

Über Stream Deck und Bitfocus Companion lassen sich die HyperDecks gemeinsam steuern. So kann die Aufzeichnung aller Geräte mit einem Tastendruck gestartet werden.

Technik wird zur Routine – Musik nicht

Die technischen Abläufe sind für Mazagg nach rund zehn Jahren Arbeit mit den entwickelten Workflows inzwischen weitgehend Routine. Die eigentliche Musikproduktion bleibt dagegen jeden Tag anders. Komponisten, Orchestratoren, Kundinnen und Kunden oder Regisseure bringen jeweils andere Anforderungen und Arbeitsweisen mit.

Für Mazagg ist genau das ein wichtiger Teil seiner Arbeit: Jeden Tag entsteht neue Musik. Und die Produktionen bleiben erhalten.

Man hinterlässt der Welt quasi etwas“, sagt er. Ein Film, an dessen Produktion man beteiligt war, werde länger existieren als man selbst. Technical Manager Roland Tscherne beschreibt einen ähnlichen Moment: irgendwann vor einem Bildschirm zu sitzen, den eigenen Namen im Abspann zu entdecken und sagen zu können: „Ich habe da mitgemacht.

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Links:

Video produziert von ROLIN Media


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