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vor 3 Wochen

„A man’s world“ – Frauenalltag in einer Männerbranche

„Als ich mich letztens weigerte, meinem extrem besoffenen TL meine Zimmernummer mitzuteilen, erzählte er am nächsten Tag allen, ich sei eine Lesbe.“

Grafik erstellt mit Trusstool von Global Truss.
Grafik erstellt mit Trusstool von Global Truss.

 von Susanne Buchheim

Immer wieder spricht man mich darauf an, ob ich nicht mal was zum Thema Frauen in der Branche schreiben könnte.

Klar kann ich.

Es ist nur so, dass dies offenbar das einzige Thema ist, zu dem meine Meinung von Interesse zu sein scheint und inzwischen hab ich mir die Schnute dazu dermaßen fusselig geschrieben, dass sich eine gewisse Ermüdung einstellt.

Warum interessiert das überhaupt noch irgendwen, frage ich mich?

Wenn wir doch so unglaublich gleichberechtigt sind, müssen wir gar nicht mehr drüber reden.

Aber – Ihr ahnt es schon – wir sind es natürlich nicht.

Also gleichberechtigt.

Und nicht nur das. Wir arbeiten sogar in einer ziemlich sexistischen Branche.

Bevor jetzt jemand meint, ich wolle hier rumjammern… nicht mein Style!

Ich arbeite seit 20 Jahren in dieser Branche, liebe meinen Beruf wie bekloppt, habe mich mit den kleinen Ecken und Kanten arrangiert und bin auf dem Sexismus-Ohr schon lange taub.

Aber da das Thema sich solch hoher Beliebtheit erfreut, soll es von mir an dieser Stelle einen kleinen Bericht geben.

Hier ein paar harmlose Vergleiche:

Fährt der Kollege mit dem LKW vor eine Brücke, ist er ein Idiot.
Fahre ich mit dem LKW unter ein Tankstellendach, Frau am Steuer.
Schreit der PL rum, hat er Stress.
Sage ich, was ich denke, habe ich meine Tage.
Macht der Kollege die niedliche Kellnerin an, ist er cool.
Mache ich den gut aussehenden Messebauer an, bin ich verzweifelt.

Auf Messen, wo wir grad beim Thema sind, ist an den Aufbautagen fast immer nur das Männerklo aufgeschlossen.

Peinlich berührte Kollegen drücken sich in das Pissoir, während ich an ihnen vorbei in die Toiletten schlendere.

Tut mir leid Jungs, aber die Zeit, wo ich mich dafür erklärte, dass ich auf Eurem Klo pinkeln gehen muss, sind nicht mehr.

Ein Kollege sagte einmal zu mir, ich sei ja eigentlich gar keine richtige Frau. Das gleiche behauptete ein Freund mal im Bezug auf eine Kollegin zu mir. Und ich frage mich diesbezüglich, was erstens eine „richtige“ Frau ist – speziell, ob das lackierte Fingernägel beinhaltet – und zweitens wer diese Kollegen eigentlich glauben zu sein, wenn sie meinen, das einfach so beurteilen zu können.

Im ersten Fall bin ich mir sicher, dass das sogar als Kompliment gemeint war, und obwohl das sehr nett gemeint ist, ist die Frage doch, ob es wirklich so eine gute Sache ist, stolz darauf zu sein, nicht als „richtige“ Frau zu gelten.

Fuckable oder nicht?

Demselben Freund gegenüber erwähnte ich auch, dass ich es krass finde, wenn die Jungs auf der Baustelle ein Mädel sehen, am besten noch in einer weisungsbefugten Position, und als erstes darüber diskutieren, ob sie fuckable ist oder nicht.

Da gab er mir total Recht, aber einen Tag später, als die Agenturtante irgendwas von ihm wollte, kam er zu mir und sagte „Jetzt mal im Ernst, die ist halt wirklich nicht fuckable!“

Das mag ja sein (aber auch das ist sicher sehr subjektiv), doch das ist genau der Punkt.

Wenn ich mir bei einem TL, PL, Agenturtypen oder Endkunden die Frage stelle, ob er fuckable ist, degradiere ich ihn innerlich. Ich reduziere ihn auf seine äußere Erscheinung und radiere die inneren Werte aus. Dadurch mag es für mich einfacher sein, mich selbst toll zu fühlen, auch wenn der andere in einer höheren Position ist, aber mit Respekt, Gleichberechtigung oder gar Professionalität hat das rein gar nichts zu tun.

Es gab ja dieses Experiment von zwei Menschen (ein Typ und eine Frau), die ihre Email Signaturen getauscht haben.

Da hat der Mann mit der Email Signatur der Frau gearbeitet und festgestellt, dass seine Kunden, mit denen er sonst prima klar kam, auf einmal alles in Frage stellten, was er behauptete.

Meine Erfahrung ist sehr ähnlich. Wenn ich in einer Position bin, in der ich anderen etwas sagen muss, wird grundsätzlich erstmal alles ausdiskutiert, anstatt dass es einfach gemacht wird.

Den Bock abgeschossen hat diesbezüglich der Trockenbauer auf der Cebit, der nach jeder meiner Ansagen zu meinem männlichen Kollegen gelaufen ist und sich den Mist nochmal von ihm hat bestätigen lassen.

Auch Mansplaining ist Standard.

Für alle, die das nicht kennen, es gibt dazu wunderschöne Beispiele im Netz.

Männer, die generell den Frauen erstmal die Welt, das Universum und den ganzen Rest erklären müssen, bevor sie auf eine einfache Frage antworten können. Hier handelt es sich um eine unbewusste und gerade dadurch besonders nervige Form des Alltagssexismus, weil Männer oft davon ausgehen, fachlich versierter zu sein als die Kollegin.

Ich persönlich empfinde die mir ständig begegnende Frage „Bist du die neue Auszubildende / Assistentin von xy (männlich)?“ als genauso sexistisch, weil mir mit dem Titel Auszubildende oder Assistentin sowohl mein Alter von 41 Jahren und die damit verbundene 20-jährige Berufserfahrung als Veranstaltungstechnikerin, als auch meine abgeschlossene Ausbildung mit einem Wort aberkannt werden.

Und während andere sich vielleicht freuen, wenn man sie für 25 hält, geht mir das unfassbar auf die Nerven.

Auch Anmache auf der Baustelle ist Tagesordnung.

Stört mich persönlich jetzt nicht so, weil ich wirklich gerne flirte (vor allem mit diesem unglaublich netten Messebauer), aber es gibt vielleicht Kolleginnen, die das anders empfinden und das sollte Mann besser abklären, bevor mit unpassenden Bemerkungen um sich geworfen wird.

Wenn ich mir manchmal anhöre, was Frauen anderer Branchen als sexistisch empfinden, denk ich mir, Alte, komm einfach mal einen Tag mit in mein Leben, dann relativiert sich das ganz schnell. Und auch hier ist die Frage, ob sich die anderen wirklich nur anstellen oder ob ich mir mehr gefallen lasse, als (nicht nur politisch) korrekt ist.

Als ich mich letztens weigerte, meinem extrem besoffenen TL meine Zimmernummer mitzuteilen, erzählte er am nächsten Tag allen, ich sei eine Lesbe.

Ganz im Ernst – ich habe auch kein Problem damit, eine angebliche Lesbe zu sein – ich würde nur nie auf die Idee kommen, einen Kollegen für schwul zu erklären, weil er nicht mit mir aufs Hotelzimmer geht.

Im Übrigen hat sich relativ schnell herausgestellt, dass ich auf Männer stehe, egal, was der Typ verbreitet hat und in Anbetracht der Unglaubwürdigkeit seiner These hat er die Geschichte nochmal verändert und behauptet nun, ich hätte ihn angemacht (bzw. hätte es bei jedem versucht).
Männer… (seufz)

Finger aus dem Arsch!

Wie bereits gebloggt, verbrachte ich die ersten Jahre meines Technikerinnendaseins damit, mich anzupassen. Als ich, frisch selbständig, mit einer ziemlich großen dreiteiligen und bis zum Anschlag ausgefahrenen Leiter im Lager eines Auftraggebers unterwegs war, sprach der Personaldisponent die herumstehenden Kollegen an, ob sie nicht mal den Finger aus dem Arsch nehmen wollten, um mir zu helfen.

Daraufhin verschwanden sie schleunigst in alle Richtungen und einer sagte noch im Weggehen, er wolle nicht riskieren, von mir angeschnauzt zu werden, weil er mir seine Hilfe angeboten hätte.
Da wurde mir klar, dass ich ein wenig übers Ziel hinausgeschossen war.

Nur mal so als Grundinfo: Es ist unglaublich nervig, wenn man ständig gefragt wird, ob man Hilfe braucht. Vor allem dann, wenn das, was man gerade tut, die tägliche Arbeit ist. Es ist mitunter so nervig, dass man schon mal laut wird.

Allerdings ist es wahrscheinlich etwas übertrieben, den Leuten das Gefühl zu geben, dass sie Ärger erwartet, wenn sie Hilfe anbieten.

Eine Kollegin, die schon deutlich länger in der Branche unterwegs ist als ich und durch ihre direkte, rigorose und etwas ruppige Art auffällt, erzählte mir letztens bei einem Bierchen, dass ihr ständig gesagt werde, sie sei ein Mannsweib. Und dass es im Grunde nicht fair sei, denn sie sei eigentlich ein schüchternes Mädchen gewesen.

Aber welche Wahl hat denn ein schüchternes Mädchen, dem ständig alles aus der Hand gerissen wird, weil niemand ihr etwas zutraut? Sie kann entweder Kindergärtnerin werden oder sie passt sich an, flucht, brüllt, lässt sich nichts mehr aus der Hand reißen und lebt damit, als Mannsweib zu gelten.

Und da waren wir uns absolut einig. Wenn du den Job liebst (und wir lieben ihn…) dann machst du alles, damit du ihn weitermachen kannst. Also vielleicht nicht alles… aber viel!

Letztens fiel mir ein Agenturfuzzi überraschend positiv auf.

Die Situation war die, dass er für eine etwas herausfordernde Einleuchtsituation eine Lösung suchte und ich mit der Lösungsfindung beauftragt war. Kaum aber standen wir diskutierend zusammen, gesellte sich ein nicht mit der Situation vertrauter männlicher Lichtkollege zu uns und fing an, dem Agentur-Heinz zu erzählen, wie das Ding gerockt werden könnte.

Erstaunlicherweise akzeptierte ich diese Situation protestlos, da sowas einfach ständig passiert. Nicht, weil der Kollege mich für doof hält – der meint das nicht böse – es passiert einfach. Ständig.

Dass ich mich so wortlos gefügt hatte, fiel mir erst auf, als der Agenturtyp den Kollegen unterbrach, mich direkt ansprach und fragte, was ich denn davon halten würde.

Ich war so überrascht von der Frage, dass ich erst mal überlegen musste, was ich davon halte.

Es scheint in mir schon abgespeichert zu sein, dass es sich nicht lohnt männliche Konkurrenz auf ihren Platz zu verweisen (sei nicht so zickig…), so dass ich einfach resigniere.

Was nicht weiter schlimm ist, ich mach das einfach.

Aber richtig ist es nicht. Und fair auch nicht. Sexistisch schon.

Letztens hab ich so ein Zitat gelesen, von wem weiß ich schon nicht mehr, da ging es darum, dass Sexismus nicht durch Männer entsteht, sondern durch das Patriachat, welches kein Mensch ist, sondern ein System. Das System muss aber nicht nur durch das Verhalten der Männer aufrechterhalten werden, sondern kann (und wird) durchaus auch durch Frauen am Leben gehalten.

Zu diesem Thema möchte ich Euch unbedingt diesen wunderbaren Beitrag auf facebook ans Herz legen, in dem Frauen in den Kommentaren über männliche Musiker diskutieren so wie Männer (und Frauen) sonst gerne über weibliche Musikerinnen reden. Erst beim Verdrehen der Geschlechter wird deutlich, wie skurril manche Dinge eigentlich sind…

Auch ich unterstütze das System, indem ich mich nicht zur Wehr setze gegen die mir täglich begegnende Ungerechtigkeit gegen mein Geschlecht. Gleichzeitig würde das Gegenteil aber dazu führen, dass ich vor lauter zur Wehr setzen nicht mehr zum Arbeiten kommen und mich niemand mehr buchen würde, weil ich allen nur noch auf den Sack ginge.

Und abgesehen davon muss ich sagen, dass sich in den letzten zwanzig Jahren wirklich viel verändert hat.

Inzwischen finde ich immer mehr Frauen auf Baustellen und das auch in Gewerken wie Messebau oder Produktionsleitung.

Dass das so ist, ist sicher nicht dem Umstand zu verdanken, dass irgendwelche Frauen sich permanent darüber beschwert haben, dass es zu wenig Frauen gibt, sondern wohl eher denjenigen Frauen, die die Fresse gehalten, die Arschbacken zusammengekniffen und angepackt haben. Denn diese Frauen haben gezeigt, dass wir es einfach genauso gut machen wie die Kerle.

Vielleicht wird es die Aufgabe der nächsten Generation Technikerinnen sein, die alltäglichen kleinen sexistischen Details ins Bewusstsein der Branche zu bringen.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf Susanne Buchheims Blog Thinking out loud.

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