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Sommer 2022: Absagen mit ohne Ansage

Jetzt ist es passiert: Das PULS Open Air musste im laufenden Betrieb abgebrochen werden, weil nicht genug Securitypersonal zur Verfügung gestellt werden konnte.

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So steht es zumindest auf der Homepage des Festivals: „Durch den kurzfristigen Ausfall einer erheblichen Anzahl an Ordnungskräften für die weiteren Festivaltage, ist die Sicherheit des Konzertbetriebs nicht weiter zu gewährleisten.“ Von den erwarteten 11.0000 Personen waren bereits etwa 4.000 angereist.

Also kein kleines Festival, von denen es in diesem Jahr schon einige erwischt hat: Sie mussten abgesagt werden, weil es an Personal, Equipment oder beidem mangelte.

Der Tenor in den sozialen Netzwerken ist relativ eindeutig: Das werden wir dieses Jahr noch öfter hören.

Über die Amont Gastro GmbH als Veranstalterin findet sich nicht viel im Netz, keine Homepage, aber dafür nach dem PULS-Desaster jede Menge schlechte Google-Bewertungen. Einer der beiden Geschäftsführer möchte zudem die Besucherzahl des Anfang August stattfindenden Brass-Wieso-Festivals von 15.000 auf 21.000 erhöhen. Dies tut er in seiner Funktion als Geschäftsführer der Sonnenrot GmbH & Co. KG und er wird diesen Vorstoß eventuell noch einmal überdenken. Oder er ist unerschütterlicher Optimist.

Packt alles in den Sommer 2022!

Die Gründe für die Situation 2022 sind vielfältig, teilweise schon lange existent und verstärken sich zum Teil gegenseitseitig: Der Markt für Personal und Material ist leergefegt, noch dazu sollen anscheinend in diesem Sommer alle ausgefallenen Termine der letzten zwei Jahre in der Sommersaison nachgeholt werden. Siehe dazu auch unser Livestream zum Thema „Personalmangel“. Und auch bei den Logistikdienstleistern sieht es nicht viel besser aus, wie unser Interview mit Leo Steffen von Trucking Service zeigt.

Jedoch, für alle reicht es nicht, hat es eigentlich noch nie wirklich – bisher hat jedoch das jedem Event innewohnende The-Show-Must-Go-On-Dogma größere Ausfälle oder Katastrophen verhindert – auf Kosten von Gesundheit, Familie und all den anderen Nebensächlichkeiten, die brav mit dem Saallicht ausfaden, damit Künstler quer durch alle qualitativen Schichten nicht im dunkeln stehen müssen und so ihre Kriegskasse retten können, die im Zeitalter von Spotify & Co. nur durch den alten Affen Auftritt vernünftig gefüllt werden kann.

Für alle reicht es nicht – was dazu führt, dass sich die Produktionen zum Teil kannibalisieren. Wenn eine der größten deutschen Bands in die Stadt kommt, werden etwa 40 Rigger im Dreischicht-Betrieb benötigt, pro Tag also 120 Personen. Da bleibt im näheren und weiteren Umkreis nicht viel übrig für gleichzeitig stattfindende Events.

Es gibt natürlich Vorschläge, wie man der aktuellen Situation etwas die Schärfe nehmen könnte: Das beginnt beim Produktionsdesign, hier wurde bisher üblicherweise eifrig drauflos designed und die Pläne anschließend einem ausführenden Dienstleister mit einem keinen Widerspruch duldeten „Mach mal“ auf den Tisch gelegt.

Auch das gab es schon vorher: Ich erinnere mich an eine Produktion, bei der ich eine Videoreportage drehte, in der der Lichtdesigner stolz sein beeindruckendes und sehr aufwändiges Design präsentierte. Einige Zeit später unterhielt ich mich an völlig anderer Stelle mit jemandem, der diese Produktion auf Tour begleitet hatte und mir erzählte, wie unglaublich schwierig es gewesen sei, dieses Design jeden Tag pünktlich fertig zu bauen, aber wir wissen ja: The Show Must Go On. Da war noch lange keine Rede von Corona.

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Es gibt natürlich auch Menschen im Design, Management und auf der Bühne, die die Zeichen der Zeit erkannt und ihre Produktionen etwas heruntergefahren haben. Das hat aber vermutlich auch mit den Kosten und dem Erlös zu tun, der am Ende hängenbleibt. Dieser Weg ist aber natürlich nur gangbar, wenn die Bühnendarbietung auch ohne großen Schnickschnack funktioniert.

Also bleibt es auch 2022 dem Zufall überlassen, welche Veranstaltungen stattfinden werden und welche leider ausfallen müssen. Bis dahin gibt es hoffentlich wenige Opfer bei den Hands (es sollten natürlich gar keine sein, wie ein Kommentator in den sozialen Medien ganz richtig anmerkte, kennt er kein legales Business, in dem menschliche Verluste einkalkuliert werden), dann wenig Geldgeilheit bei einzelnen Technikerinnen und Technikern, die die Situation weit über sinnvolles Anheben von Tagessätzen hinaus ausnutzen und als Riggerin oder Tontechnikerin zwischen 1.200 und 2.000 Euro pro Tag aufrufen möchten, auch wenn das eher die Ausnahme sein dürfte. Generell ist es ja sehr zu begrüßen, dass sich die Tagessätze langsam in Sphären erheben, die nicht zwangsläufig in Altersarmut enden muss. Und dann noch viel Verständnis beim Publikum – dem es am Ende aber auch ziemlich egal sein dürfte, ob da ein MAC 2000 oder ein ultrahochmodernes LED-Movinglight hängt, das zwar kein so tolles rot hinkriegt, das dafür aber superhell.

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