Warum in der Veranstaltungstechnik oft nicht die Technik das größte Risiko ist

Zeitdruck, kurzfristige Produktionen, Dry Hire, Freelancer und immer komplexere Projektstrukturen: Technische Dienstleister bewegen sich heute in einem Umfeld, in dem nicht nur die Technik zuverlässig funktionieren muss. Welche Risiken dabei tatsächlich entstehen und warum Versicherungen weit mehr sind als eine Police für beschädigtes Equipment, erläutert Marco Pompili von der Howden Deutschland AG im Gespräch mit mothergrid.

Beratung statt Standardlösung

Pompili begleitet die Veranstaltungsbranche seit vielen Jahren und ist seit dem 1. Januar 2026 bei der Howden Deutschland AG tätig. Sein Ansatz beginnt nicht mit einer Versicherungspolice, sondern mit der Analyse der individuellen Risiken eines Unternehmens. Standardlösungen greifen aus seiner Sicht häufig zu kurz, weil sich die Anforderungen etwa eines Bühnenbauers deutlich von denen eines Licht-, Ton- oder Videodienstleisters unterscheiden.

Das Ziel sei deshalb zunächst, die tatsächlichen Risiken eines Betriebs zu verstehen und anschließend einen passenden Versicherungsschutz zu entwickeln.

Verträge schaffen Klarheit

Ein zentrales Thema des Gesprächs ist die Verantwortung im Schadenfall. In der Veranstaltungsbranche würden viele Projekte noch immer auf Basis von Telefonaten, E-Mails oder langjährigem Vertrauen abgewickelt. Kommt es jedoch zu einem Schaden, werde schnell entscheidend, welche Vereinbarungen tatsächlich getroffen wurden.

Pompili empfiehlt deshalb, Verträge und Allgemeine Geschäftsbedingungen möglichst eindeutig zu formulieren. Das diene nicht nur der Rechtssicherheit, sondern helfe auch dabei, Risiken überhaupt erst zu erkennen und gezielt abzusichern.

Als Beispiel nennt er Hallenmietverträge. Übernimmt ein technischer Dienstleister zusätzlich organisatorische Aufgaben und haftet laut Vertrag auch für Schäden, die Besucher verursachen, reicht eine klassische Betriebshaftpflicht unter Umständen nicht aus. Solche Risiken müssten im Vorfeld erkannt und gegebenenfalls zusätzlich abgesichert werden.

Zeitdruck erhöht das Fehlerrisiko

Die größten Risiken entstehen nach Beobachtung von Pompili häufig nicht durch technische Defekte, sondern durch organisatorische Faktoren. Seit der Pandemie würden viele Produktionen deutlich kurzfristiger beauftragt. Dadurch steige der Zeitdruck beim Auf- und Abbau erheblich.

Fehler entstünden häufig dann, wenn mehrere Gewerke parallel arbeiten, Absprachen fehlen oder einzelne Arbeitsschritte unter Zeitdruck ausgeführt werden. Aus zunächst kleinen Fehlern könnten so Schäden entstehen, die mehrere Beteiligte betreffen.

Dry Hire: Haftung für gemietete Technik

Ein weiteres häufig unterschätztes Thema ist Dry Hire. Wer Technik anmietet, haftet in der Regel für das überlassene Equipment. Diese Verpflichtung ist in den Mietbedingungen vieler Vermieter eindeutig geregelt.

Nach Einschätzung von Pompili sollte dieses Risiko durch eine passende Elektronikversicherung abgesichert werden. Im Schadenfall können so Reparatur- oder Wiederbeschaffungskosten übernommen werden. Entscheidend sei, dass Dienstleister ihre Haftung kennen und den Versicherungsschutz entsprechend prüfen.

Streaming verändert das Risikoprofil

Mit der wachsenden Zahl von Livestreams sowie sponsorfinanzierten Streaming- und Broadcastproduktionen haben sich auch die Risiken verändert.

Während sich die eingesetzte Technik vergleichsweise einfach versichern lasse, seien mögliche Vermögensschäden deutlich komplexer. Funktioniert ein Stream nicht oder entspricht die Qualität nicht den vertraglichen Vereinbarungen, können daraus finanzielle Ansprüche des Auftraggebers entstehen. Deshalb seien gerade bei solchen Produktionen klare vertragliche Regelungen und ein passender Versicherungsschutz wichtig.

Freelancer frühzeitig berücksichtigen

Da technische Dienstleister regelmäßig mit Freelancern und Subunternehmern zusammenarbeiten, können auch dadurch zusätzliche Haftungsfragen entstehen. Für den Auftraggeber spielt es im Schadenfall meist keine Rolle, ob der Fehler durch einen eigenen Mitarbeiter oder einen externen Dienstleister verursacht wurde – sein Anspruch richtet sich zunächst gegen den Auftragnehmer.

Nach Angaben von Pompili berücksichtigt Howden solche Konstellationen deshalb bereits bei der Gestaltung des Versicherungsschutzes. Ziel sei es, Haftungslücken zu vermeiden und Konflikte zwischen Auftraggeber und Auftragnehmer möglichst zu verhindern.

Organisierte Kriminalität bleibt ein Thema

Neben klassischen Schadensfällen sieht Pompili auch organisierte Kriminalität als relevantes Risiko. In der Vergangenheit hätten insbesondere Filmgeräteverleiher unter professionell vorbereiteten Betrugsfällen sowie Einbruchserien gelitten.

Gemeinsam mit Polizei, Versicherern und Sicherheitsunternehmen seien die Vorgehensweisen der Täter analysiert worden. Daraus entstanden Sicherheitskonzepte mit Maßnahmen wie Videoüberwachung, Einbruchmeldetechnik und organisatorischen Abläufen, die Einbrüche erschweren und Schäden reduzieren sollen.

Individuelle Lösungen statt Preisvergleich

Zum Abschluss betont Pompili, dass viele Unternehmen das tatsächliche Risiko ihres Geschäfts unterschätzen. Aus seiner Sicht sollte bei der Wahl eines Versicherungspartners deshalb nicht allein der Preis ausschlaggebend sein. Wichtiger sei ein Versicherungskonzept, das zu den jeweiligen Tätigkeiten und Risiken eines Unternehmens passt.

Welche Risiken ein Betrieb selbst tragen möchte und welche abgesichert werden sollen, müsse letztlich jedes Unternehmen individuell entscheiden.

YouTube

Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von YouTube.
Mehr erfahren

Video laden

Links:

Beiträge aus der Themenwelt

weitere spannende Beiträge

Oh! Sie scheinen einen Werbeblocker zu verwenden.

Unsere Website finanziert sich durch Werbung, um Ihnen kostenlose Inhalte anbieten und den Betrieb aufrechterhalten zu können. Indem Sie Ihren Werbeblocker deaktivieren, unterstützen Sie uns und tragen dazu bei, dass wir Ihnen weiterhin wertvolle Inhalte kostenlos zur Verfügung stellen können.

Wir wissen Ihr Verständnis und Ihre Unterstützung sehr zu schätzen. Vielen Dank, dass Sie erwägen, Ihren Werbeblocker für diese Website zu deaktivieren.