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vor 2 Monaten

Tippt die Cases!

Ein Leserbrief von Hendrik Stradtmann.

Emma und ihre Freunde.
Emma und ihre Freunde.

Das Corona-Virus hat die Veranstaltungsbranche stark ins Wanken gebracht. Durch Veranstaltungs-, Messe- und Tagungsabsagen liegt unsere Branche derzeit quasi brach.

Unsicherheit, Angst und Existenzsorgen machen sich überall breit und nur wenige sehen mögliche Perspektiven für sich, für Ihr Unternehmen und Mitarbeiter, für die Freiberufler und alle sonstigen Quereinsteiger und Zuarbeiter dieser Branche.

Fragen über Fragen

Die Hoffnung liegt größtenteils beim Staat, bei Verbänden und Gewerkschaften. Wir haben doch alle Steuern und Mitgliedsbeiträge bezahlt, nun muss uns auch geholfen werden!
Müssen uns andere helfen? Oder müssen wir uns erst einmal selbst helfen und begreifen, was in unserer Branche all die Jahre schiefgelaufen ist?

War es richtig, immer höher und schneller zu wachsen und den Kunden zu fragen, wie hoch und lang man springen darf – am Wochenende, in der Nacht oder zum Feiertag?

War es richtig, Produktionen zu stemmen, bei denen nur ein kleiner Teil aus eigenen Mitarbeitern bestand und der Rest aus einem Pool von Freiberuflern? Eine Produktion, zu 90 Prozent aus Dry-Hire-Material bestand?

War es richtig, eine 5-Trailer-Produktion eine Woche vor Produktionsbeginn anzunehmen?

Die Antworten interessieren gerade keinen

All das sind Fragen, die jetzt die Meisten in unserer Branche am wenigsten interessieren, da die Sorgen und Nöten ganz woanders liegen. Wie bekomme ich Mieten und Gehälter, Leasing und Kredite bezahlt, was mache ich jetzt, wann hört der ganze Mist auf und wann startet das Event-Karussell wieder? Hier fühle ich mich wohl, hier kenne ich mich aus hier komme ich schon irgendwie klar – wie immer!

Ich möchte hierzu ein Beispiel geben:
Gerade sitzt eins meiner Hühner bei mir auf dem Schoß – Emma.
Emma ist sieben Jahre alt (schon ein ganz schön altes Huhn). Sie und ihre Kolleginnen legen mir bis auf die Mauser jeden Tag ein Ei.
Ich füttere Emma und ihre Kolleginnen jeden Tag mit ein paar Körnern und habe einen schönen Stall für sie gebaut. Regelmäßig bekommen alle ihre Impfungen und ich sowie der Tierarzt schauen nach ihnen.
Emma wird sich nie beschweren, wenn zu wenig Stroh fürs Nest da ist, das Wasser nicht frisch und die Körner nicht schmecken – Emma legt jeden Tag ein Ei für mich.
Jetzt hat Emma das Glück hier auf dem Hof zu leben und nicht im Käfig (Messehalle, Studio) oder in der Massentierhaltung (Open Air) oder in der Box (Tagungszentrum).
Aber was mach ich mit Emma, wenn Sie kein Ei mehr legt? Austauschen und Kochtopf oder sie einfach weiterleben lassen, weil ich es kann?
Viele in unsere Branche sind wie Emma – sie legen jeden Tag ein Ei, beschweren sich nicht und wenn es nicht mehr klappt, dann ist es so – sind halt verbraucht!

Lasst das bloß nicht die neuen Kollegen hören

Die Krise zwingt unsere Branche nun, nach links und rechts zu schauen, weil der bisherige Weg zur Zeit nicht weiterführt.

  • Die Holzwürmer (Messe und Setbauer) schauen bei den Tischlern, Schreinern und Zimmermänner-Betrieben vorbei.
  • Rigger bei den Freileitungsbauern, in der Windparkindustrie und im Gerüstbau.
  • Tontechniker in der Akustik, Hörhilfeindustrie, bei der Schallpegelmessung oder Lüftungstechnik.
  • Lichttechniker in der Städteplanung und Lenkungstechnik.
  • Allrounder in der Offshore- und Bauindustrie.

Für jeden in unserer Branche finden sich Anwendungen in anderen Wirtschaftszweigen.
Aber was passiert, wenn ihr euren neuen Kollegen steckt, dass 16-Stunden-Schichten, Nachtarbeit, mangelnder Arbeits- und Gesundheitsschutz und 7-Tage-Woche oder Tariffreiheit gar kein Problem sind?

Richtig, bestenfalls bekommt ihr nur einen Hammerschlag auf den Kopf oder werdet mit ordentlich Stahl am Fuß in der Nordsee versenkt. Weil keiner aus dem Handwerk, der Industrie und schon gar nicht bei einem öffentlichen Arbeitgeber so etwas zulassen würde.

Flohmartk Frühlingsfest München Theresienwiese

Was wir brauchen: Perspektiven für alt und jung.

Tipp: Sweety & styley Schränke

Noch ein Beispiel:
Vor einigen Jahren musste ich mit meiner Frau zum Trödelmarkt, damit endlich die Schränke leer werden – sonst wird’s schwer mit Nachschub.
Also habe ich auch eine paar olle Klamotten aus der VT-Technik mit in den Sprinter gepackt und hatte Lust auf etwas Cash.
Mit dabei waren alte Floorspots, mindestens zehn Jahre alt, ein paar Cases und anderer Krimskrams.
Die Floors verkaufte ich für 40EUR als Vintagelampe pro Stück (EK kennt ihr ja alle). Die Cases wollte erst keiner haben, bis ich sie am Mittag auf die Seite tippte und statt als Case als Schrank anbot.
„So sweety & styley“ sagte die Münchnerin – und jedes Case ging für 450 Euro weg.
War ein guter Tag – es gab ordentlich Cash und der Plunder, den niemand aus der Branche gekauft hätte, war weg.

Manchmal muss man seine Gedanken auf den Kopf stellen, die Menschen und den Markt beobachten und seine Schlüsse daraus ziehen – idealerweise mit Gewinn, sei es Cash oder im Kopf.

Perspektiven für Jung und Alt

Es ist schlimm für jedes Unternehmen und für jeden Freiberufler in unsere Branche, wenn die Existenzgrundlage fehlt und keine Planungssicherheit mehr vorhanden ist, aber wenn wir aus dieser Krise wieder nichts lernen, wieder so weiter machen wie immer, können wir weder Perspektiven für junge noch für alte Hasen bieten, die wir eigentlich schon im Team ganz schön ins Herz geschlossen haben und die die Grundpfeiler unserer Branche sind. Denn Technik ist austauschbar – die Menschen dieser Branche nicht.

Euer Hendrik Stradtmann / Hitdorf
Ohratorium Miet & Event Services GmbH

Hendrik Stradtmann

Hendrik Stradtmann

 


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