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Allgemeinvor 3 Wochen

Nook Schoenfelds Stories (6): Gute Geschäfte

Da kann der Moderator noch so einnehmend strahlen – der Rock'n'Roll fetzt meistens mehr als ein Corporate Event.
Da kann der Moderator noch so einnehmend strahlen – der Rock'n'Roll fetzt meistens mehr als ein Corporate Event.

Nook Schoenfeld ist Lichtdesigner und Geschichtenerzähler mit Erfahrung. Und nach eigener Angabe hat er das alles dem Rock’n’Roll zu verdanken – es macht schließlich mehr Spaß, das passende Licht für eine Rockband zu finden, als eine Versicherungsfirma spannend aussehen zu lassen…

Hier gibt’s alle Stories von Nook Schoenfeld auf mothergrid


Die Beleuchtung von Corporate Events langweilt mich zu Tode. Natürlich kann man damit seine Rechnungen bezahlen und ich wäre vielleicht sogar viel reicher, wenn ich meine Karriere diesem Bereich gewidmet hätte. Aber dann hätte ich vermutlich nicht so viele tolle Geschichten zu erzählen.

Ich bin in unser Geschäft eingestiegen, um mit Bands zu arbeiten. Genauer gesagt – auf Tour zu gehen. Als junger Mann wollte ich jedes mal, wenn ich das Haus verließ, so lange wie möglich wegbleiben. Je länger ich weg war, desto mehr Geld habe ich schließlich gespart. Aber da ich anfangs direkt für Audio- und Beleuchtungshersteller arbeitete, wurden mir alle Arten von Gigs angeboten, wenn die Bands eine Tourpause hatten. Die Firmenmessen, einmalige Galas und Fernsehfilmsets waren für mich in der Regel einfache Jobs, da ich schlicht 20 Moving Lights  mitzubringen, die an der Traverse eines anderen Unternehmens aufzuhängen und auf das Kommando des LD das obligatorische Tamtam zu machen hatte.

Eines Tages bekam ich einen dieser Anrufe von John Reid, einem Kundenbetreuer der Beleuchtungsfirma, bei der ich angestellt war.

– Hey äh, Nook. Ich habe einen Auftrag, für den ich einen Programmierer brauche… aber der Chef sagt, du passt nicht in die Rolle.
– Pferdeschwänze sind bei dem Gig wohl nicht erwünscht?
– Na ja, du müsstest für die Veranstaltung schon Anzug und Krawatte tragen, aber das ist es nicht.
– Hä, was ist das denn dann das Problem?
– Wir haben eine sehr wichtige Designfirma, die bereit ist, unsere Moving Lights für diesen  Auftritt zu benutzen. Aber sie wollen, dass sie nur ein einfaches Tamtam machen, sonst nichts.
– Das sollte ich eigentlich hinkriegen?
– Wir brauchen einen cleveren Typen, der einfach nur dasitzt und den Mund hält.
– Hhhmm. Ja, dafür bin ich nicht gerade bekannt.
– Eher das Gegenteil würde ich sagen.
– Ich kann das machen. Komm schon, lass mich auf‘s Spielfeld! Ich werde meinem Tamtam zur Seite stehen und meine Lippen versiegelt halten.
– Sie wollen nicht wieder einen Programmierer wie beim letzten Mal.
– Keine Sorge, sie werden mich lieben.
– Verkack es bitte nicht.

Materialschlacht für eine Lebensversicherungsgesellschaft

Es sind die späten 80er Jahre und ich bin in Philadelphia auf einer Preisverleihung mit Live-Aufführungen von Broadway-Musicals, einem Orchester und vielen Rednern, die sich ihren Weg zum Podium bahnen, um ihre fünf Minuten Ruhm zu genießen – und das alles im Namen einer Lebensversicherungsgesellschaft.

Die örtliche Beleuchtungsfirma hat zahlreichen Traversen mit konventionellen Scheinwerfern aller Art gefüllt. Der Beleuchter heißt Red, ein im Vergleich zu meinen 30 Jahren etwas älterer Mann. Er kommt von der Imero Fiorentino Agentur in New York, einem der renommiertesten Designbüros in der Beleuchtungsbranche. Ich wurde von der Beleuchtungsfirma angewiesen, während dieses zweiwöchigen Auftritts nur dann den Mund aufzumachen, wenn ich explizit darum gebeten werde. Ich war neu in der Welt des Corporate Event Theaters und hatte ein 30-seitiges Skript zu befolgen. Es war mir neu, dass ein Inspizient über ein Headset die Cues durchgibt.

Meine Scheinwerfer sind auf drei Traversen verteilt, die sich etwa 18 Meter in der Luft befinden. Ich habe 30 dieser Morpheus Panaspot II Scheinwerfer und mir wurde gesagt, dass sie nur für ein paar ausgewählte Tamtams benötigt werden, zum Beispiel wenn die Redner auf die Bühne gerufen werden und für den obligatorischen Konfettiregen am Ende des musikalischen Hauptereignisses. Nach einer Stunde Programm bin ich fertig. Ich sitze stundenlang nur da und versuche, nicht einzuschlafen.

Aber man darf nicht vergessen, dass wir in den 80er Jahren leben und dass die Lampen häufig kaputtgingen und ihre Glühbirnen durchbrannten. Am ersten Tag hatte ich Glück und alle meine Lampen gingen ohne Probleme, aber ich wusste, dass die Chancen, alle 30 Lampen am nächsten Tag zum Leuchten zu bringen, recht gering waren.

Eine Hand wäscht die andere

Ich gehe in die Hotelbar und werde von einigen legendären Leuten, die an der Bar Hof halten, mit Geschichten verwöhnt. Sie überhäufen mich mit Drinks und Ratschlägen. Irgendwann an diesem ersten Abend lerne ich Bobby Carrell kennen, den legendären Rigger der auch als „Dead Hang Bobby“ bekannt ist. Carrell, ein „good ole boy“ aus Tennessee, wurde für die Show angeheuert, um alles aufzuhängen, was benötigt wurde, und es dann irgendwann wieder abzuhängen. In den zwei Wochen dazwischen haben die Produzenten ihn einfach in seinem Hotelzimmer sitzen lassen – allerdings ohne ihn dabei zu bezahlen, es sei denn es gab an diesem Tag mal was zu tun! „Nook, ich verdiene kein Geld“, jammerte er, „es sei denn, sie rufen mich zur Location um etwas zu reparieren.“ Da dieser Gig mir eine ganze Menge Geld einbrachte, beschloss ich kurzerhand, dass ich mich um Bobby kümmern würde.

Am nächsten Morgen schalte ich meine Lichter ein und schaue gerade nach oben, als eine der Glühbirnen beim Zünden durchbrennt. Die Strickleiter ist 18 Meter hoch. So weit kann ich nicht klettern und sage dem Inspizienten Bescheid.

– Naja Nook, wir brauchen schon noch alle deine Scheinwerfer für die Show.
– Das ist mir klar, aber ich brauche eine Möglichkeit, eine neue Glühbirne in die defekte Leuchte zu bekommen.
– Ich kann die Traverse nicht absenken, ohne die Rigging-Crew herbeizurufen.
– Hm, warum rufst du nicht einfach Bobby an und wir können ihn für vier Stunden bezahlen, damit er eine Glühbirne einsetzt.
– Tolle Idee, wir brauchen nur einen Rigger zum Klettern und keine Motoren zum Bewegen.

Bobby kommt herunter und verdient etwas Geld:. „Lass mich wissen, wenn du noch mehr Glühbirnen kaputt machst“, sagt er zum Abschied.

Das geht ein paar Tage lang so weiter. Jedes mal wenn ich eine Leuchte reparieren möchte, muss Bobby vorbeikommen, die Leuchte runterholen und dann vier Stunden warten, bis ich die Leuchte in meiner Mittagspause reparieren kann. Dann muss er wieder hoch und die Leuchte anbringen. Mein neuer Freund Bobby wird also für eine 8-stündige Schicht angefordert. Weitere Glühbirnen gehen kaputt. Ein paar Tage später kommt der Kameraausleger und wir entfernen die Strickleitern von der Traverse, also noch ein achtstündiger Einsatz. Und so weiter, und so weiter. So habe ich mich um meinen neuen Kumpel gekümmert.

Wer zum Teufel hat dich darum gebeten?

Der Lichtdesigner war brillant, er kannte anscheinend alle Tricks der alten Schule und die Show sah farbenfroh und vollständig ausgeleuchtet aus, dazu lief alles auch reibungslos ab. Ein Teil der Musical-Produktion erforderte einen schimmernden Wassereffekt auf einer Cyklorama, das mit mindestens 60 dreizelligen Altman-Scheinwerfern ausgestattet war, die die Farben mischten. Um diesen Glitzereffekt zu erzielen, hatte der LD eine Anordnung weißer Bodenleuchten auf eine Reihe Aluminiumfolieflächen in hinteren Bereich der Bühne gerichtet, deren Oberfläche wie eine zerbrochene Spiegelkugel zerknittert war. Theoretisch sollte dieses Licht zurück auf das Cyklorama reflektiert werden und sich mit der Farbe vermischen, um den gewünschten Glitzereffekt zu erzielen. Ich stelle mir vor, dass dies ein legendärer Beleuchtungstrick war, der in der Vergangenheit am Broadway oder bei einem Filmdreh wunderbar funktioniert hat. Die unglücklichen Lichttechniker verbrachten Stunden damit, diesen Trick zu verfeinern, damit er besser aussah, als er eigentlich war. Schließlich wurde der LD nervös und rief die Mittagspause aus.

Die Mittagspause bedeutete, dass Bobby zur Traverse hinunterfahren konnte, um eine weitere Glühbirne auszutauschen. Dementsprechend erlaubte mir die IATSE (International Alliance of Theatrical Stage Employees, Anm. d. Redaktion) an meinem Pult zu bleiben, um die Vorrichtung zu testen, bevor er herunterkam. Während ich dort saß und nichts tat, beschloss ich, selbst mit einem Wassereffekt herumzuspielen, den die im Panaspot 2 Scheinwerfer verbauten, rotierenden Gobos theoretisch hergaben. Ich programmiere diesen Effekt in einer Minute und speichere den Cue für später.

Nach dem Mittagessen gehen die Proben weiter und weitere zwei Stunden werden für die Verfeinerung der Reflexionen hinter dem Vorhang verwendet, um Wasser zu simulieren. Red beschäftigt jetzt Bühnenarbeiter, die den langen Streifen Stanniol vorsichtig schütteln, um die Illusion von Bewegung zu erzeugen.

„Ihr habt es fast geschafft! Kommt schon – ihr macht mich fertig!“, jammert der Regisseur.

Ich schnappe mir einen Fader und schummle meinen Look um 20% unter, um dem Cyklorama eine leicht strukturierte Bewegung zu geben.

– Wartet, das ist besser, Leute. Mehr davon!
– Mehr wovon, Red? Wir rühren doch nichts an.

Ich hebe den Fader um weitere 20% an.

– Das ist fantastisch, nicht anfassen. Was immer ihr getan habt, markiert den Cue. Weiter gehts!

Ich gehe zu Red hinüber, um ihm mitzuteilen, dass ich das Cyklorama gerade mit den Movern texturiert habe.

– Wer zum Teufel hat dich darum gebeten?
– Niemand, mir war in der Mittagspause langweilig, dein Team hatte Probleme. Ich dachte, ich könnte helfen.
– Niemand hat dich um Hilfe gebeten.
– Sorry, ich werde… die dann wohl entfernen.
– Halt die Klappe, Junge. Und bring den Look bei dem Cue #370.

Dies war der Beginn einer guten Beziehung zu diesem Designer.

Der Klugscheißer schlägt wieder zu

Die Musiknummern sind programmiert. Der Look des Raumes steht fest. Es ist an der Zeit, mit den CEOs und anderen Rednern zu proben. Teleprompter werden getestet, Reden werden umgeschrieben, alle Vorbereitungen für zwei lange Nächte voller Langeweile werden getroffen. Der LD legt für jeden Redner ein neuen Look an und wir sind bei den letzten beiden, den Chefs, angelangt. CEO und CFO der ganzen Tohuwabohu-Veranstaltung.

Vor den Augen der erschöpften Lichtcrew spielt sich die folgende Szene ab:

Die Chefs: „Ähm, wir werden für unseren Beitrag von zwei verschiedenen Seiten der Bühne kommen“
Produzent: „Kein Problem, wir haben Scheinwerfer, um euch zum Podium zu führen.“
Die Chefs: „Sie verstehen nicht, wir werden nicht zusammen stehen. Jeder von uns möchte seinen eigenen Platz an der Seite haben.“
Der Produzent: „Wir haben ein Podium. Ihr werdet beide in die Mitte der Bühne gehen.“
Chef #1: „Nein, das geht nicht. Ich brauche kein Podium, drehen Sie den Teleprompter einfach zu mir rüber.“
Chef #2: „Ich gehe an die gleiche Stelle auf der anderen Seite der Bühne, geben Sie uns einfach jeweils eine Markierung auf der Bühne. Wir haben unseren Teil geprobt.“
LD Red: „Halten Sie sich an das Skript, ich habe keine Leuchten an diesen Stellen aufgestellt. Ich muss mehr Scheinwerfer holen, um euch richtig auszuleuchten, sie dann verkabeln, fokussieren – das bedeutet Überstunden.“

Er ist hundemüde. Wir wollen alle nur noch in die Hotelbar gehen und die Show morgen beenden.

Während Red und der Gaffer darüber reden, welche neuen Scheinwerfer, Schaltkreise, Hebepodeste und Crew benötigt werden, um diese neuen Positionen zu beleuchten, markiert jemand die Stellen auf denen die CEOs stehen wollen. Ich schwenke einfach 3 Panaspots zu jeder Position, rolle etwas CTO-Gel hinein und beleuchte die beiden Jungs, die dann herumlaufen. Ich habe eine Front-, eine Füll- und eine Rückleuchte im Visier, als die Jungs anfangen, zu proben.

– Moment mal, was ist das? Jimmy, hol dein Messgerät raus und lies das mal ab.

Der Gaffer ruft die Ergebnisse heraus. „Etwas weniger rot“, sagt er. Ich rolle den CTO ein wenig aus und er gibt das OK-Zeichen von der Bühne. Red sieht mich mit einem Grinsen an.

– Schaut euch bloß diesen Klugscheisser hier an. Du hast deine Kollegen gerade einige Überstunden gekostet.

Ich lasse beschämt den Kopf hängen.

– Ich wollte uns nur helfen, hier früher rauszukommen.
– Halt die Klappe, Kleiner, schreib dir den Cue auf und mach die Lichter aus. Die Drinks gehen auf mich.

Am Ende konnte ich wohl weder meinen Mund halten, noch war ich in der Lage, einfach dazusitzen und auf Ansage ein bißchen Tamtam zu machen. Ich war bereit, mich wieder auf den Weg um den Globus zu machen. Aber dieser eine Gig war der Beginn einer Reihe von Auftritten mit vielen Leuten in den 80er Jahren, die langsam aller dahinter kamen, dass man mit Movinglights mehr als nur Tamtam machen kann.

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