Im Täubchenthal Leipzig war mothergrid zu Gast bei der aktuellen Dick-Brave-Produktion. Zwischen Kontrabass-Slap, Röhren-Preamp und warmweißen Leuchtbuchstaben zeigt sich schnell: Diese Show will nicht nostalgisch aussehen – sie will sich auch so anfühlen. Das Prinzip dahinter beginnt schon beim Licht.
Lichtdesigner Rolf Wenzel arbeitet seit Jahrzehnten mit HOG-Konsolen, aktuell mit einer Tour Hog. Die Show fährt er nahezu vollständig manuell. Kein Timecode, keine komplett durchautomatisierte Show. (Weitere Infos hier).
Rolf arbeitet dabei mit einer festen Song-Struktur. Für jeden Titel existiert eine eigene Page auf der Tour Hog, zwischen denen er während der Show wechselt. Zusätzlich läuft permanent eine sogenannte „Template Page“ mit – dort liegen grundlegende Funktionen wie Seitenlicht, Unterlicht, Hazer oder zentrale Looks jederzeit griffbereit.
Gerade weil die Show ohne Timecode gefahren wird, ist dieser direkte Zugriff entscheidend. Änderungen lassen sich spontan umsetzen, ohne erst durch Menüs oder vorbereitete Abläufe navigieren zu müssen.
„Die Band hat eine wilde Energie, die Tempi wechseln ständig“, beschreibt Rolf. „Genau darauf spontan reagieren zu können, macht den Reiz aus.“
Die übrigen Fader nutzt er flexibel für songspezifische Effekte, Farbwechsel oder individuelle Looks der großen DICK-Brave-Leuchtbuchstaben.
Im Touring-Alltag profitiert die Produktion zusätzlich davon, dass sich die Tour Hog sehr schnell an unterschiedliche Venues anpassen lässt. Trotz wechselnder Bühnen benötige er meist nur rund 20 Minuten für die Anpassung des Showfiles. Dabei integriert Rolf regelmäßig vorhandene Hauslichtsysteme wie Blinder oder Frontlicht.
„Der große DICK-Brave-Schriftzug ist so effizient, dass die Bühne selbst ohne klassisches Gegenlicht immer Tiefe behält“, sagt er.
Auch ergonomisch habe ihn die Konsole überzeugt. Besonders die Encoder-Wheels mit direkter Werteingabe ermöglichten schnelle Änderungen während der laufenden Show – gerade bei einer Produktion, die stark von spontanen Dynamikwechseln lebt.
Das Lichtkonzept orientiert sich bewusst an historischen Rock’n’Roll- und Rockabilly-Shows:
- große Leuchtbuchstaben
- Seitenlicht statt klassischem Frontlicht
- Fußrampen-Ästhetik
- viel Atmosphäre statt maximaler Helligkeit
Die markanten Leuchtbuchstaben begleiten die Band bereits seit vielen Jahren. Früher bestückt mit Halogenlampen, heute kommen warmweiße LEDs zum Einsatz – optisch bleibt der Charakter trotzdem erhalten.
Für die Beleuchtung der Bühne setzt Rolf Wenzel auf Matrix-Eye-2-Blinder von GLP. Die ursprünglich eher als Effekt- und Blinder-System gedachten Fixtures übernehmen in der Dick-Brave-Produktion deutlich mehr Aufgaben als klassische Zuschauerblinder:
„Ich wollte keine riesige Fußrampe mitnehmen“, erklärt Rolf. Stattdessen nutzt er insgesamt 12 Geräte flexibel als Seitenlicht, Effektlicht und Fußrampe. Durch Bauform lassen sich die Geräte vergleichsweise kompakt positionieren – ein wichtiger Faktor für eine Produktion, die mit Nightliner und Anhänger unterwegs ist.
Weiches dimmen auch im unteren Bereich
Entscheidend war für ihn aber vor allem die Lichtqualität. Gerade bei den warmen Vintage-Looks der Show sei die Farbwiedergabe der Geräte ein großer Vorteil. Hinzu kommt ein Software-Update, das besonders weiche Dimmfahrten im unteren Prozentbereich ermöglicht.
Genau dort trennt sich bei vielen LED-Systemen die Spreu vom Weizen: Während günstige Fixtures im Low-End oft sichtbar „springen“ oder unruhig dimmen, lassen sich die Matrix Eye-Blinder sehr fein fahren – wichtig für die bewusst zurückhaltende Lichtästhetik der Show.
Dadurch funktionieren die Geräte nicht nur als klassischer Blinder-Effekt, sondern auch als atmosphärisches Hauptlicht für die Rockabilly-Inszenierung.
Zum Nostalgie-Konzept gehört schließlich auch noch ein zusätzlicher FOH-Hazer: „Die Leute sollen in eine verqualmte Bude reinkommen.“ – Das beschreibt die gesamte Produktion ziemlich gut: Nicht sterile Perfektion zählt hier, sondern Atmosphäre.
Vintage-Ästhetik mit moderner Technik
Musikalisch bewegt sich Dick Brave zwischen Rockabilly-Klassikern und Neuinterpretationen wie „Enjoy the Silence“ von Depeche Mode. Technisch bedeutet das: moderne Infrastruktur, aber ein Soundbild, das bewusst Ecken und Kanten zulässt. FOH-Techniker Manuel Rosenberg bringt die Philosophie der Produktion auf den Punkt:
„Heutzutage ist alles sehr clean. Aber unser Anspruch ist es, ein bisschen dirty zu haben – mit Charakter.“ Am FOH arbeitet Rosenberg auf einer Allen & Heath dLive. Dort kommen unter anderem Amp-Simulationen über die UFX-Karte sowie ausgewählte UAD-Plugins zum Einsatz. Ziel ist nicht maximale klinische Präzision, sondern Charakter – besonders bei Gitarren und Bass: „Wir versuchen, diesen Dirt wieder reinzukriegen, den man früher hatte“, sagt Rosenberg.
Drei Bass-Signale für einen Musiker
Wie aufwendig selbst einzelne Instrumente integriert sind, zeigt das Setup für den Bassisten, das uns Backliner Ben Wormser erläutert. Zum Kontrabass kommen mehrere Abnehmer-Systeme: eines für den eigentlichen Ton, eines für den Slap-Anteil der Saiten. Der Ton läuft zunächst über einen Sonic Farm Röhren-Preamp, der Slap zusätzlich über ein kurzes Delay. Gleichzeitig muss das Signal nicht nur am FOH ankommen, sondern auch auf der Bühne im Bassverstärker landen. Zusätzlich ist ein E-Bass integriert, der wiederum über eigenen Preamp und Umschalter läuft.
Am Ende landen drei getrennte Signale am Pult:
- Slap
- Kontrabass-DI
- E-Bass-DI
Der Mix kann dadurch sehr flexibel aufgebaut werden – gerade bei einer Musikrichtung, die stark von Anschlag, Dynamik und perkussiven Elementen lebt.
dLive vorne, DiGiCo stage left
Die dLive dient nicht nur als FOH-Konsole, sondern erzeugt gleichzeitig den Split für die Monitoring-Welt. Hinter der Bühne arbeitet Flo Herkert auf einer Digico Quantum 112, die mit einer DMI-Karte von KLANG ausgestattet ist. Über MADI gehen die Signale dann in die neuen Klang XDM Dante / Madi 32bit breakouts und dann auf die drahtlosen IEM-Strecken. Externe Plugin-Racks sucht man dabei fast vergeblich: „Kein Waves, kein großes externes Setup, Fokus auf gute Mikrofonauswahl, Placement, gute Gain Struktur. Also hochwertige Signalgüte durch den ganzen Signalfluss“, beschreibt Flo seinen Ansatz. Der Großteil des Processings passiert direkt in der Quantum. Das reduziert Komplexität – und passt zur gesamten Produktion, die trotz hoher technischer Qualität bewusst kompakt gehalten ist.
Auch bei der Mikrofonierung zeigt sich die Mischung aus klassischer Optik und moderner Technik:
Für die Vocals kommen unter anderem Shure SM55 zum Einsatz – optisch sofort mit den Fünfzigern verbunden. Dazu gesellen sich moderne Werkzeuge wie:
- DPA 4055 an der Kickdrum
- Austrian Audio C18 als Overheads
- Telefunken-Mikrofone an der Snare
- kompakte Sennheiser-MD-421-Varianten an den Toms
Besonders wird es im Akustik-Part der Show: Dann versammelt sich die Band um ein einzelnes Mikrofon von Ear Trumpet Labs. Der gesamte Mix verändert sich schlagartig – technisch wie musikalisch.
„Das gehört einfach zur Inszenierung.“
Kompakt statt Produktionsmonster
Was bei allen Beteiligten auffällt: Die Produktion versteht sich nicht als gigantisches Touring-System, sondern als bewusst reduziertes, flexibles Setup. Nightliner und Anhänger reichen aus. Viele Entscheidungen folgen nicht maximaler Skalierung, sondern praktischer Funktionalität und einer klaren ästhetischen Idee. Genau dadurch wirkt die Show glaubwürdig: nicht wie eine Hochglanz-Retroinszenierung, sondern wie eine moderne Produktion, die verstanden hat, warum ältere Live-Produktionen oft unmittelbarer wirkten.
Oder, um es mit Manuel Rosenberg zu sagen: „Ein bisschen dirty. Mit Charakter.“







