Autor: Karim Benslimane, VP Field CISO bei Darktrace
Größe und Komplexität von Stadien machen sie zu besonders anspruchsvollen Umgebungen in der Cybersicherheit. Jetzt kommt KI in diese Abläufe – und bringt eine neue Risikodimension mit sich. Dieser Beitrag zeigt, wie Security-Teams KI in Live-Event-Umgebungen absichern können, um Stadien für Fans sicherer zu machen.
Wie sich KI im Stadionbetrieb absichern lässt
KI hält Einzug in besonders wirkungsstarke Stadionfunktionen – von Zutrittskontrolle und Besucherlenkung über Ticketing bis hin zu Facility Management und Überwachung. Gleichzeitig können Schatten-KI und Drittanbieter-KI Risiken schaffen, die Security-Teams im Stadion nicht ohne Weiteres erkennen. Entscheidend ist daher Transparenz: Security-Teams müssen nicht nur wissen, welche KI-Systeme existieren, sondern auch, worauf sie zugreifen können und welche Aktionen sie ausführen dürfen. Resilienz bei Live-Events erfordert dafür kontinuierliches Monitoring und Reaktion über KI, IT, OT, Identitäten und Drittparteien hinweg.
Moderne Stadien sind Infrastruktur besonderer Art: Am Eventtag greifen Shops und Gastronomie, Verkehrsanbindung, umfangreiche Telekommunikationsinfrastruktur, Technik am Spielfeldrand und vieles mehr ineinander – als ein übergroßes, vernetztes Ökosystem. Größe und Komplexität machen Stadien zu einigen der schwierigsten Umgebungen in der Cybersicherheit. Und nun kommt KI in diese Abläufe – mit einer zusätzlichen Risikodimension.
Die Vorteile von KI im Stadionbetrieb liegen auf der Hand. Sie kann Betreiber dabei unterstützen, Fans sicher durch stark frequentierte Eingänge zu leiten, die Nachfrage an Verkaufsständen zu prognostizieren, biometrischen Zutritt zu ermöglichen, verdächtiges Verhalten in CCTV-Aufnahmen zu erkennen sowie Heizung und Lüftung zu steuern. Richtig eingesetzt kann KI Live-Events sicherer, schneller und effizienter machen. Doch sie verändert auch das Sicherheitsmodell.
In einer aktuellen Darktrace-Untersuchung zur Bedrohungslage im Sport haben wir Cybersecurity-Verantwortliche, die professionelle Sportorganisationen schützen, gefragt, wo in ihrer Umgebung ein Cybervorfall die größten Auswirkungen hätte. Am häufigsten genannt – von 34 % der Befragten – wurde der Stadionbetrieb. Gleichzeitig gaben 35 % an, dass ihre Organisationen KI bereits im Stadionbetrieb einsetzen oder dies in den nächsten 12 Monaten planen.
Security-Teams schützen damit nicht mehr nur klassische IT-Systeme rund um ein Stadion. Zunehmend sollen sie auch KI-Systeme absichern, die in den grundlegendsten Funktionen des Stadionbetriebs im Einsatz sind.
Freigegebene KI vs. Schatten-KI im Stadionbetrieb
Es gibt einen klaren Unterschied zwischen KI, von der das Security-Team eines Stadions weiß, und KI, von der es nichts weiß.
Freigegebene KI ist KI, die geprüft, getestet und in die Betriebsumgebung integriert wurde. Sie kann CCTV-Analysen, Zutrittskontrolle, Facility Management, Ticketing, Logistik, Broadcast-Operations oder Anti-Piracy-Monitoring unterstützen. Sie sollte klare Verantwortlichkeiten, Zugriffskontrollen, Protokollierung, eine Prüfung von Dienstleistern sowie Regeln für Datenschutz und Datensicherheit haben. Das macht sie nicht risikofrei – ermöglicht Security-Teams aber belastbare Governance.
Schatten-KI ist anders. Gemeint ist die nicht freigegebene Nutzung von KI-Tools durch Mitarbeitende, Auftragnehmer oder Lieferanten. Oft beginnt das mit guter Absicht: Jemand will schneller arbeiten. Ein Mitarbeitender kopiert interne Informationen in ein öffentliches KI-Tool, um ein Briefing zu entwerfen. Ein Entwickler nutzt einen KI-Assistenten, um Ticketing-Code zu debuggen. Ein Lieferant verbindet ein KI-Planungstool mit Lieferrouten. Ein Designer lädt unveröffentlichte Stadionpläne oder Sponsor-Material hoch, um ein Mock-up zu generieren.
Keine dieser Handlungen fühlt sich für die handelnde Person zwingend wie eine Sicherheitsentscheidung an. Doch jede einzelne kann sensible Betriebsdaten in eine Umgebung verschieben, die das Stadion nicht kontrolliert – und damit versteckte Risiken schaffen. Der freigegebene KI-Stack kann für Security-Teams sichtbar sein. Der Schatten-KI-Stack ist es oft nicht.
Warum der Spieltag das KI-Cyberrisiko erhöht
In einer typischen Unternehmensumgebung hat ein Security-Team unter Umständen Stunden Zeit, um einen ungewöhnlichen Login oder eine unerwartete Verbindung zu einem Drittanbieter-Service zu untersuchen. Im Stadion fällt der Zeitpunkt, zu dem ein Vorfall am ehesten eintritt, häufig mit dem Moment zusammen, in dem Teams am stärksten belastet sind und die Folgen am größten wären: am Spieltag.
Wenn sich ein KI-System, das für Crowd Management eingesetzt wird, unerwartet verhält, ist das nicht nur ein technisches Problem. Es kann die Bewegung von Menschen im Stadion beeinflussen. Wenn ein Tool eines Lieferanten operative Daten an eine nicht freigegebene KI-Plattform sendet, ist das nicht nur ein Thema der Data Governance. Es kann Lieferrouten, Zeitpläne für gesperrte Bereiche oder Personal- und Einsatzpläne offenlegen.
Das gefährlichste Szenario ist nicht immer ein lauter, dramatischer Angriff, sondern eine versteckte Abhängigkeit, die niemand kartiert hat – etwa wenn ein Anbieter per Software-Update eine KI-Funktion ergänzt oder ein Workflow ein nicht freigegebenes Tool nutzt. Sobald der Betrieb live ist, können solche versteckten Verbindungen schnell zum operativen Risiko werden.
Die Lieferkette ist Teil der Angriffsfläche des Stadions
Jedes große Sportevent wird durch Lieferketten und Partnerschaften möglich: Catering-Firmen, Transportanbieter, Broadcast-Systeme, Facility-Teams. Jedes Element ist notwendig – und jedes eröffnet einen Sicherheitskanal. Das Risiko von Supply-Chain-Kompromittierungen ist seit Langem belegt und war Ausgangspunkt einiger besonders prominenter Sicherheitsvorfälle. Der im März breit berichtete Datenvorfall bei MSG Entertainment, dem Eigentümer des Madison Square Garden, ging auf eine Kompromittierung von Oracles E Business Suite zurück, die in den Backoffice-Systemen von MSG Entertainment genutzt wurde. Der Angriff „Olympic Destroyer“ bei den Olympischen Winterspielen 2018 in Pyeongchang begann Berichten zufolge mit der Kompromittierung des wichtigsten IT-Dienstleisters der Spiele. Der zusätzliche Einsatz von KI erhöht das Risiko.
Ein Stadion kann strenge Regeln für seine eigenen KI-Systeme haben – Dienstleister nutzen jedoch möglicherweise separate Tools. Einige setzen KI ein, um Personalplanung, Lieferfenster, Inventar oder Kundenkommunikation zu steuern. Andere merken nicht, dass KI-Funktionen in Software ergänzt wurden, die sie bereits nutzen.
Das ist einer der schwierigsten Aspekte bei der Absicherung von KI im Stadionbetrieb: Das Risiko entsteht nicht immer durch ein Tool, das der Veranstaltungsort ausgewählt hat. Es kann durch ein Tool entstehen, das ein Lieferant ausgewählt hat – oder durch eine Funktion, von der der Lieferant nicht wusste, dass sie aktiviert wurde.
Security-Teams müssen Dienstleister-KI genauso behandeln wie Dienstleister-Zugänge. Sie müssen wissen, womit Lieferanten sich verbinden können, welche Daten sie sehen, welche Tools sie nutzen – und ob dadurch neue Wege für Datenabfluss oder laterale Bewegung entstehen. Ein KI-Tool eines Drittanbieters braucht keinen tiefen Zugriff, um Risiken zu erzeugen. Manchmal genügt das richtige operative Detail zur falschen Zeit.
Vier Fragen zur Absicherung von KI im Stadionbetrieb
Wenn KI Teil des Stadionbetriebs wird, müssen Security-Teams über reine Freigabelisten hinausgehen. Es gibt vier Fragen, die sie stellen sollten:
- Wo wird KI eingesetzt? Dazu gehören offensichtliche Tools wie Computer Vision, Zutrittskontrolle, Ticketing, Logistik und Facility Management. Es umfasst aber auch weniger sichtbare KI innerhalb von SaaS-Plattformen, Dienstleister-Tools, Browser-Erweiterungen, Entwickler-Workflows, Smart-Building-Systemen und Kollaborationstools.
- Worauf kann die KI zugreifen? Kann sie Incident-Logs, Personal- und Einsatzpläne, Ticketing-Daten, Video-Feeds, Gebäude-Steuerungen, Fan-Daten, Zugangsdaten oder Lieferantensysteme einsehen? Kann sie Informationen nur analysieren – oder kann sie auch Aktionen auslösen?
- Was kann die KI tun? KI-Agenten sind nicht nur passive Tools. Manche können APIs aufrufen, Datensätze aktualisieren, Anweisungen generieren, Workflows starten oder mit den Rechten eines Users oder Service-Accounts handeln. Im Stadion ist diese Unterscheidung entscheidend: Es ist ein großer Unterschied, ob ein KI-System eine Maßnahme empfiehlt – oder sie ausführen kann.
- Wie sieht „normal“ aus? In Ihrer Sicherheitsarchitektur reichen statische Regeln nicht aus. KI-Nutzung verändert sich schnell: Tools erscheinen in bestehenden Plattformen, Anbieter ergänzen neue Services, und Mitarbeitende finden unter Druck Workarounds. Security-Teams müssen Normalverhalten über Menschen, Identitäten, Geräte, Netzwerke, Cloud-Services, Lieferanten und KI-Tools hinweg verstehen, um zu erkennen, wenn sich etwas verändert.
Das ist besonders wichtig in Live-Event-Umgebungen, in denen kleine Anomalien relevant sein können. Eine Verbindung zu einem nicht freigegebenen KI-Service kann in einem Kontext harmlos und in einem anderen ernst sein, und ein KI-Agent, der um 3 Uhr morgens eine Aktion ausführt, kann während des Aufbaus normal, während eines Spiels aber verdächtig sein. Kontext macht aus Rohaktivität verwertbare Security-Erkenntnisse. Kontext ermöglicht auch schnelle Reaktion: Eigene KI-basierte Security-Systeme können in Maschinen-Geschwindigkeit reagieren – wenn sie den Live-Kontext aufbauen können, um zu erkennen, dass Handeln nötig ist.
KI kann Stadien sicherer machen – aber nur, wenn sie abgesichert ist
KI hat eine reale Rolle im Stadionbetrieb. Sie kann Teams helfen, Crowd Pressure früher zu erkennen, Engpässe zu reduzieren, Facilities effizienter zu betreiben, das Fan-Erlebnis zu verbessern und Event-Teams in Hochdrucksituationen zu unterstützen. Die Antwort ist nicht, KI-Einführung grundsätzlich zu bremsen. Das ist nicht das Ziel. Die Antwort ist, KI sichtbar, gesteuert und sicher zu machen, bevor sie Teil des Spieltagsbetriebs wird.
Für Stadionbetreiber und Event-Organisatoren heißt das: KI-Nutzung im Stadion- und Lieferanten-Ökosystem kartieren. Verstehen, worauf jedes KI-System zugreifen kann und welche Aktionen es ausführen darf. Mitarbeitenden freigegebene Tools geben, die ihre Bedürfnisse abdecken – statt sie Workarounds finden zu lassen. KI-Nutzung in Dienstleisterverträge und Audits aufnehmen. Und Verhalten in der gesamten Umgebung überwachen – nicht nur in den Systemen, die am leichtesten zu sehen sind. Ein Stadion kann nicht schützen, was es nicht sieht.
Wenn KI Teil davon wird, wie ein Stadion Menschen bewegt, Zutritt steuert, Facilities verwaltet, Lieferanten unterstützt und Medienrechte schützt, ist sie kein Nebenprojekt mehr. Sie wird Teil der Event-Infrastruktur. Event-Infrastruktur muss gründlich vorbereitet sein, bevor sich die Stadiontore öffnen, und mit der operativen Resilienz betrieben werden, die nötig ist, um ein sicheres, reibungsloses und verlässliches Event-Erlebnis zu ermöglichen.







