Le Balcon realisierte die Klangarchitektur für Karlheinz Stockhausens „Mittwoch aus Licht“ mit 60 Amadeus-Lautsprechern und dem Raumklangsystem HOLOPHONIX.
Mit „Mittwoch aus Licht“ stellt Karlheinz Stockhausen besondere Anforderungen an die Beschallung: Der Raum ist nicht lediglich Wiedergabeort, sondern Bestandteil der musikalischen Komposition. Stimmen, Instrumente und elektronische Klänge bewegen sich durch den Saal und sollen unabhängig vom Sitzplatz räumlich nachvollziehbar bleiben. Das gilt auch für das Helikopter-Streichquartett, in dem vier Musiker jeweils in einem eigenen Hubschrauber spielen.
Die Deutsche Oper Berlin zeigte die Produktion vom 19. bis 27. September 2026 in fünf Vorstellungen. Sie bildet den Abschluss des 2018 von Le Balcon begonnenen Licht-Zyklus. Die musikalische Leitung hatte Maxime Pascal, Regie führte Susanne Kennedy, das Bühnenbild stammt von Markus Selg. Es handelte sich um die erste szenische Aufführung des Werks im deutschsprachigen Raum.
Für die Umsetzung entwickelte Le Balcon gemeinsam mit den technischen Teams des Opernhauses ein Beschallungssystem aus 60 Amadeus-Lautsprechern. Hinzu kamen vier Subwoofer und drei weitere Lautsprecher aus dem Bestand der Deutschen Oper sowie der Raumklangprozessor HOLOPHONIX Ultra.
Wellenfeldsynthese verankert den Klang auf der Bühne
Das Zentrum der Frontbeschallung bilden zwei Lautsprecherlinien, die mit Wellenfeldsynthese (WFS) arbeiten. Die untere Linie besteht aus 23 maßgefertigten Amadeus SR 790-Modulen entlang der Bühnenvorderkante. Ihre um 17 Grad geneigten Schallwände folgen der Steigung des Zuschauerraums. Eine zweite Linie aus elf Amadeus C 15-90 ist oberhalb der Bühne installiert und versorgt die Ränge.
Die Wellenfeldsynthese rekonstruiert die Schallwellen einer Quelle und ermöglicht es, deren wahrgenommene Position im Raum gezielt festzulegen. In diesem Fall soll das Klangbild von allen Sitzplätzen aus möglichst eindeutig von der Bühne kommen.
„Die Herausforderung besteht darin, dass das Klangbild von jedem Platz aus von der Bühne zu kommen scheint, ohne zu hoch zu wirken“, erklärt Florent Derex, Mitbegründer von Le Balcon und Toningenieur der Produktion.
Die untere Lautsprecherlinie zieht die wahrgenommene Klangposition in Richtung Bühne, während die obere die weiter entfernten Sitzplätze abdeckt. Entscheidend ist die Abstimmung beider Systeme. Pegel, Abdeckung und Verzögerungszeiten müssen so eingestellt werden, dass auch die vorderen Reihen keinem übermäßigen Schalldruck ausgesetzt sind.
„Die größte Schwierigkeit besteht weiterhin darin, die untere Linie auf die obere abzustimmen“, sagt Derex. Durch die Arbeit mit HOLOPHONIX bei früheren Produktionen habe das Team inzwischen eigene Arbeitsweisen entwickelt: „Mittlerweile haben wir unsere Orientierungspunkte. Jetzt ist es vor allem eine Frage der Erfahrung.“
Eigenständiges Monitoring für die Musiker
Neben der Beschallung des Publikums erforderte die Produktion ein umfangreiches Bühnenmonitoring. Dafür wurde sogar der Bühnenboden geöffnet, um einen Lautsprecher darin zu versenken.
„Wir haben den Bühnenboden aufschneiden lassen, um einen Monitor einzubauen. Das funktioniert ein bisschen wie ein Souffleurkasten, aus dem man einem Sänger etwas ins Ohr flüstert“, beschreibt Derex die Lösung.
Bei dem versenkten Lautsprecher handelt es sich um ein weiteres SR 790-Modul, baugleich mit den 23 Lautsprechern an der Bühnenvorderkante. Ergänzt wird das Monitoring durch acht Amadeus C 8 R, zwei Amadeus C 4 für die Synthesizer sowie drei Lautsprecher aus dem Bestand der Oper.
Besonders anspruchsvoll ist die vierte Szene Michaelion. Hier improvisiert ein Sänger mit einem Radio und muss unmittelbar hören können, wie seine Spieltechniken klingen und mit der Elektronik zusammenspielen. Auch die wechselnden Positionen der Sängerinnen und Sänger auf der Bühne stellen besondere Anforderungen an die Monitormischung.
Für diese Aufgabe ist Nicolas Widmer verantwortlich. „Das ist genauso viel Arbeit wie die Beschallung des Zuschauerraums“, betont Derex. Die Monitormischung wird damit zu einer eigenständigen klanglichen Ebene innerhalb der Produktion.
Surround-System erweitert den Klangraum
Über die beiden Frontlinien hinaus verteilt sich die Beschallung auf weitere Positionen im Saal. Sechs Amadeus C 12-80 befinden sich seitlich im Parkett und an der Rückwand. Vier C 8 R versorgen den hinteren Rangbereich, vier an der Decke montierte C 10 ergänzen die vertikale Ebene. Vier Doppel-15-Zoll-Subwoofer aus dem Bestand der Deutschen Oper übernehmen die Tieftonwiedergabe.
Die Anordnung bildet keine klassische Ambisonics-Kuppel, ermöglicht aber eine dreidimensionale Verteilung der Schallquellen. Damit lassen sich sowohl präzise lokalisierte Klänge als auch diffuse elektronische Klangflächen und räumliche Bewegungen umsetzen.
Die Entscheidung für das Amadeus-System fiel bereits knapp zwei Jahre vor der Produktion. Bei einem ersten Besuch in Berlin stellte Derex fest, dass der vorhandene Lautsprecherbestand für die Anforderungen des Werks erweitert werden musste. Da ohnehin ein umfangreiches System angemietet werden sollte, entschied sich Le Balcon für die bereits aus anderen Produktionen bekannten Amadeus-Lautsprecher.
Auch die Verstärkung wurde frühzeitig geplant. Jeder C 15-90 benötigt zwei Verstärkerkanäle. Insgesamt kamen neun von Amadeus bereitgestellte Powersoft-Ottocanali-Endstufen mit 72 Kanälen im Dante-Netzwerk zum Einsatz. Die Systeme wurden in Paris gemeinsam mit Francesco Papaleo, Application Engineer bei HOLOPHONIX, in ArmoníaPlus vorkonfiguriert und anschließend nach Berlin transportiert. Eine zusätzliche Powersoft T604 stellte Le Balcon bereit.
Vor dem Transport führte das Team einen vollständigen Probeaufbau durch, um auch die Signalwege und die Integration von HOLOPHONIX zu testen.
LBAP und Ambisonics für elektronische Klangbewegungen
Nicht jede Klangquelle in „Mittwoch aus Licht“ benötigt dieselbe räumliche Behandlung. Während Stimmen und Instrumente häufig präzise an bestimmten Positionen verortet werden sollen, verlangen elektronische Klänge teilweise nach einer diffuseren, den Zuschauerraum umhüllenden Wiedergabe.
Augustin Muller, Computermusik-Designer am IRCAM, verwendet dafür unterschiedliche Verfahren. Zum Einsatz kommen Layer Based Amplitude Panning (LBAP) und Higher Order Ambisonics (HOA).
LBAP verteilt Audiosignale über mehrere übereinanderliegende Lautsprecherebenen. HOA hingegen beschreibt das Schallfeld als Ganzes und dekodiert es anschließend für die vorhandene Lautsprecheranordnung.
„Das ist ein Ausdrucksmittel“, erklärt Muller. „Ich arbeite mit drei Panning-Bussen: einem sehr präzisen LBAP-Bus für das oktophone Material, einem zweiten, diffuseren LBAP-Bus und einem HOA-Bus für die Szene Michaelion. Auch für die Hubschrauber verwende ich HOA. Sie sollen lokalisierbar sein und gleichzeitig so wirken, als kämen sie von überall. Die Streicher benötigen dagegen ein wesentlich präziseres Klangbild.“
Muller verantwortet einen Teil der Elektronik und deren räumliche Verteilung. Derex kümmert sich um das Hauptsystem und die Projektion der Bühnenquellen über HOLOPHONIX.
„Für Florent bin ich gewissermaßen eine Quelle. Eine etwas besondere Quelle: Ich kümmere mich um die Zuspielungen und die Synthesizer. Florent verwaltet die Klangquellen und die Lautsprecher. Die Klangregie übernehmen wir gemeinsam“, beschreibt Muller die Zusammenarbeit.
Die elektronische Session wird über ein Audiointerface in die Spatialisierungs-Engine eingespeist und von dort an das Hauptsystem zurückgeführt. Je nach Signal erfolgt die Ausgabe direkt über Direct to Master oder über den WFS-Bus.
In Michaelion bewegt Muller den Synthesizer durch den Raum. Dabei steht weniger eine punktgenaue Ortung als vielmehr eine räumliche Atmosphäre im Vordergrund: „Das Panning ist weicher. Es soll gar nicht besonders präzise sein, sondern eher eine Atmosphäre in Bewegung erzeugen.“
Derex nutzt neben der Wellenfeldsynthese auch einen k-Nearest-Neighbors-Bus (KNN). Dieser verteilt Signale auf jene Lautsprecher, die einer definierten Quellposition am nächsten liegen. Direct to Master leitet Signale ohne zusätzliche räumliche Bearbeitung weiter und sorgt dafür, dass die Latenz mit dem übrigen System abgestimmt bleibt.
Helikopter-Streichquartett: 16 Audiosignale aus vier Hubschraubern
Eine besondere technische Aufgabe ist das Helikopter-Streichquartett. Die vier Mitglieder des Streichquartetts spielen dabei jeweils an Bord eines eigenen Hubschraubers.
Für die Berliner Produktion wurde die Sequenz auf dem Flugplatz Schönhagen, rund 45 Minuten von der Deutschen Oper entfernt, im Rahmen einer öffentlichen Veranstaltung aufgezeichnet und live übertragen. Die Aufnahmen wurden anschließend als Videoprojektion in die Opernaufführungen integriert.
Jeder Hubschrauber ist dabei gleichzeitig Spielort und Klangquelle. Pro Fluggerät kamen vier Mikrofone zum Einsatz: ein REMIC-Mikrofon (V5200 für Violine und Viola beziehungsweise C5300 für Violoncello) und ein DPA 4099 zur Abnahme des Instruments. Beide Mikrofontypen wurden aufgrund ihrer hohen Unterdrückung von Umgebungsgeräuschen ausgewählt.
Ein an der Wange platzierter DPA 6061 nahm die Gesangspartien der Musiker auf. Ein außen am Hubschrauber montiertes Sennheiser MKH 516 erfasste den Rotorklang.
Insgesamt wurden 16 Audiosignale aus den vier Hubschraubern übertragen. Ein Click-Track sorgte für die Synchronisation der Musiker. Dabei ist auch der Klang der Rotoren Teil der Komposition: Die Drehzahl erzeugt bestimmte Tonhöhen, deren Veränderungen in Stockhausens musikalische Konstruktion einbezogen sind.
„Erst bei der Live-Übertragung wird deutlich, dass sie synchron sind: Sie spielen gemeinsam, aber räumlich voneinander getrennt und während des Flugs“, berichtet Derex. Die Musiker können sich gegenseitig nicht hören.
Muller verantwortete das Sounddesign der Sequenz und die räumliche Wiedergabe des Audiomaterials über HOA. Dadurch umgeben die vier Hubschrauber klanglich das Publikum, während die Videoprojektion ihre Flugbewegungen zeigt.
Integration in den Repertoirebetrieb der Deutschen Oper
Die technische Umsetzung war nicht nur aufgrund der komplexen Klangarchitektur anspruchsvoll. Das System musste sich auch in den laufenden Spielbetrieb eines großen Opernhauses integrieren lassen.
„In Opernhäusern ist Beschallung alles andere als selbstverständlich“, sagt Derex. „Historisch gesehen kommen die Tonberufe bei Produktionen dieser Häuser erst spät ins Spiel. Mit dem Aufkommen von Musik für Instrumente und Elektronik in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts war es tatsächlich Licht, das diese Tradition ins Opernrepertoire gebracht hat. Produktionen mit einem ausgeprägten klanglichen Anspruch sind nach wie vor selten.“
Die Deutsche Oper Berlin betreut die Beschallung ihrer Produktionen einschließlich Aufnahmen und Elektronik normalerweise mit dem eigenen technischen Personal. „Mittwoch aus Licht“ stellte hier eine Ausnahme dar.
Das Haus verfügt über ein Repertoire von rund 40 Produktionen und zeigt jährlich etwa 25 davon. Während der Stockhausen-Serie mussten daher auch andere Inszenierungen auf derselben Bühne stattfinden. Dazu gehörten unter anderem Lucia di Lammermoor, Tosca und das Ballett Bovary.
Für Andreas Gockel, Leiter der Tonabteilung der Deutschen Oper Berlin, lag eine der größten Herausforderungen deshalb in den Auf- und Abbauzeiten.
„Alles musste abgebaut und wieder aufgebaut werden können. Gleichzeitig mussten wir innerhalb von zwei bis drei Stunden wieder spielbereit sein“, erklärt Gockel.
Die 60 Amadeus-Lautsprecher mussten sich in den täglichen Ablauf des Opernhauses einfügen und anschließend anderen Produktionen Platz machen. Während eine reguläre Vorstellung üblicherweise von zwei bis drei Personen tontechnisch betreut wird, waren für „Mittwoch aus Licht“ acht bis neun Techniker erforderlich.
Wie eng die Abläufe waren, zeigte sich am Tag der Helikopter-Performance: Am Vormittag fand eine Probe statt, am Nachmittag wurde das Helikopter-Streichquartett live übertragen, am Abend stand bereits Lucia di Lammermoor auf dem Spielplan.
Räumliche Beschallung als Teil der musikalischen Interpretation
Bei Mittwoch aus Licht ist die räumliche Wiedergabe unmittelbar in der Partitur angelegt. Die Beschallung übernimmt daher mehr als die reine Verstärkung von Stimmen und Instrumenten. Sie gestaltet Positionen, Bewegungen, Entfernungen und klangliche Balancen.
Die verschiedenen Verfahren erfüllen dabei unterschiedliche Aufgaben: Wellenfeldsynthese verankert Klangquellen auf der Bühne, KNN unterstützt bestimmte Bewegungen, LBAP ermöglicht eine gezielte Lokalisierung und HOA erzeugt umfassendere räumliche Klangfelder.
Mit der Kombination aus 60 Amadeus-Lautsprechern und HOLOPHONIX Ultra entstand an der Deutschen Oper Berlin ein System, das die räumlichen Vorgaben von Stockhausens Komposition umsetzt und gleichzeitig den Anforderungen des laufenden Repertoirebetriebs gerecht werden musste.
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(Quelle: Pressemitteilung)







