Ein hochkarätig besetztes Panel unter der Moderation von Markus Wilmsmann, Chefredakteur von mothergrid, diskutiert zum Thema Mental Health in der Veranstaltungsbranche.
Es ist eine Branche, die von Leidenschaft lebt. Von Adrenalin, Perfektionismus und dem unbedingten Willen, dass am Ende alles reibungslos funktioniert. Doch hinter glänzenden Bühnen, spektakulären Lichtshows und ausverkauften Hallen verbirgt sich eine Realität, über die lange kaum gesprochen wurde: Stress, Überlastung und psychische Erkrankungen in der Veranstaltungstechnik. Genau darüber diskutierte ein hochkarätig besetztes Panel unter der Moderation von Markus Wilmsmann, Chefredakteur von Mother Grid. Ziel war es, einen offenen Blick auf die Arbeitsrealität zu werfen – und die schmale Grenze zwischen Hingabe und Selbstausbeutung auszuloten.
Auf dem Podium saßen drei Insider, die das Thema aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchteten: Tontechniker Max Geisenhainer, der öffentlich über seine Erfahrungen mit Burnout und Depression im Touralltag geschrieben hat, Lichtdesigner Toto Bröcking mit jahrzehntelanger Touring-Erfahrung – und Wissenschaftlerin Susanne Otta, die eine der bislang wenigen Studien zur Stressbelastung in der Branche durchgeführt hat und selbst als Brancheninsiderin bei Habegger in der Schweiz arbeitet.
Stress in der Eventbranche: Wissenschaftlich belegt
Susanne Otta brachte Zahlen mit, die im Saal für spürbare Unruhe sorgten. Ihre Studie entstand aus einem klaren Anlass: Es gab zwar viele subjektive Berichte über hohen Stress in der Veranstaltungstechnik, aber kaum wissenschaftliche Belege. Das wollte sie ändern.
Dabei stellte sie zunächst klar: Stress ist subjektiv. Er entsteht aus dem Zusammenspiel von äußeren Stressoren – etwa Zeitdruck oder Überstunden – und der individuellen Reaktion darauf. Doch selbst unter Berücksichtigung dieser Individualität zeigt sich ein deutliches Bild.
Über 80 Prozent der Befragten gaben an, regelmäßig unter massivem Zeitdruck zu stehen. Mehr als 70 Prozent berichten von unangemessenen Mengen an Überstunden. Hinzu kommen fehlende Freizeit, zu wenig Zeit für Familie und Freunde, sogenannte Back-to-back-Jobs, Schlafmangel und unregelmäßige Ernährung.
Besonders eindrücklich ist der Branchenvergleich: Der durchschnittliche Stresslevel in der Eventbranche liegt bei 17 Punkten auf der Coen-Skala. Zum Vergleich: Der deutsche Bevölkerungsdurchschnitt liegt bei 12. Fluglotsen erreichen im Schnitt 14 Punkte. Das Stressniveau der Veranstaltungsbranche ist damit vergleichbar mit medizinischem Hochrisikopersonal während einer Pandemie.
Noch alarmierender sind die Zahlen zu diagnostizierten psychischen Erkrankungen: 23 Prozent der Befragten berichten von Depressionen – fast jeder Vierte, gegenüber 8 bis 9 Prozent im Bevölkerungsdurchschnitt. Burnout liegt bei 20 Prozent (Durchschnitt: 18 Prozent), Angststörungen bei 16 Prozent (Durchschnitt: 5 Prozent), posttraumatische Belastungsstörungen bei 7 Prozent (Durchschnitt: 3 Prozent). Das Fazit der Studie ist eindeutig: Die Eventbranche hat ein ernsthaftes, strukturelles Problem mit mentaler Gesundheit.
Wenn Arbeit zur Flucht wird
Max Geisenhainer kennt diese Zahlen nicht nur aus Studien, sondern aus eigener Erfahrung. Bereits während seiner Ausbildung begannen private Probleme – und statt sich ihnen zu stellen, flüchtete er sich in Arbeit. Anerkennung fand er im Job, nicht im Privatleben. Eine gefährliche Dynamik setzte ein: Immer mehr Arbeit, immer mehr Stress – ohne diesen überhaupt als solchen wahrzunehmen.
Er beschreibt eindrücklich den sogenannten „Post-Tour-Down“: Nach Wochen im Ausnahmezustand, mit klarer Struktur und permanentem Input, folgt plötzlich Leere. Gerade für Alleinlebende ohne feste soziale Strukturen kann dieser Absturz besonders hart sein. Das Rampenlicht erlischt – und zurück bleibt Stille.
Sein offener Artikel über Burnout und Depression in der Veranstaltungsbranche löste unterschiedliche Reaktionen aus. Auf Instagram erhielt er viel Zuspruch, insbesondere von jüngeren Kolleginnen und Kollegen. Auf Facebook hingegen, wo eher die ältere Generation vertreten ist, überwogen kritische Stimmen. „Darüber spricht man nicht“ oder „Wenn es zu viel ist, dann lass es halt bleiben“ – Sätze, die zeigen, wie stark das Thema mentale Gesundheit in der Eventbranche noch tabuisiert ist.
Generationen im Wandel: Work-Life-Balance vs. „Gemacht sein“
Susanne Otta ordnet diese Unterschiede ein. Ältere Generationen seien in eine Branche hineingewachsen, die weniger reguliert und stark vom Pioniergeist geprägt war – „Jugend forscht“. Heute hingegen betreten Nachwuchskräfte eine hochprofessionalisierte, perfektionistische und extrem verdichtete Industrie. Die Rahmenbedingungen sind nicht mehr vergleichbar.
Auch die Frage nach Work-Life-Balance stellt sich neu. Max Geisenhainer formuliert es zugespitzt: Lebt man, um zu arbeiten – oder arbeitet man, um zu leben? Er selbst versucht, gut bezahlte Jobs mit Herzensprojekten zu kombinieren. Für ihn ist das ein Luxus.
Toto Bröcking hingegen sieht seine Arbeit als Hobby, das bezahlt wird. Er beschreibt sich selbst als stressresistent und Teil des „Team Klassenfahrt“ auf Tour. Für ihn entsteht Stress vor allem aus Unsicherheit. Erfahrung und Routine seien entscheidende Faktoren, um Druck zu reduzieren. Er habe sich Schritt für Schritt an größere Produktionen herangearbeitet und gelernt, mit Fehlern umzugehen. Seine Haltung: Man müsse für diese Branche „gemacht sein“.
Strukturelle Probleme statt individueller Schwäche
Doch genau hier wird die Diskussion komplex. Ist es eine Frage der persönlichen Belastbarkeit – oder sind es strukturelle Probleme?
Im Publikum wurde deutlich: Viele Belastungen sind systemisch. Gesetzliche Arbeitszeiten von acht oder neun Stunden sind im Touring-Bereich eher Theorie als Praxis. Eine tatsächliche Reduzierung der Arbeitszeit würde mehr Personal oder Schichtarbeit erfordern – und damit höhere Budgets.
Auch das Thema Geld wurde offen angesprochen. „Kein Budget“ bedeute häufig nicht, dass kein Geld da sei, sondern dass es bei gegebener Gewinnerwartung nicht vorgesehen sei. In der Wertschöpfungskette – etwa bei Ticketing-Anbietern – sei viel Kapital vorhanden, das jedoch selten bei der Crew ankomme. Gerade Freelancer akzeptieren aus Angst vor Jobverlust oft niedrigere Tagessätze und längere Arbeitszeiten. Die hohe Quote an Selbstständigen erschwert zudem die Durchsetzung verbindlicher Standards.
Praktische Lösungsansätze wurden ebenfalls diskutiert: Lichtdesigner könnten ihre Entwürfe so planen, dass Auf- und Abbauzeiten realistischer werden. Optimierte Verpackungs- und Logistiklösungen könnten Personal entlasten. Reisetage für Freelancer sollten fair bezahlt werden. Auch Mentoring-Programme wurden als möglicher Hebel genannt – wenngleich Susanne Otta betont, dass viele junge Menschen heute bereits gut über mentale Gesundheit informiert sind und wissen, wo sie Hilfe finden.
Offen reden als erster Schritt
Am Ende bleibt ein ambivalentes Bild. Das Problembewusstsein wächst. Dass mentale Gesundheit in der Veranstaltungstechnik öffentlich auf einer Bühne diskutiert wird, ist ein wichtiger Schritt. Max Geisenhainer zeigte sich erleichtert über die Offenheit. Toto Bröcking sieht weiterhin große Hürden bei der praktischen Umsetzung, insbesondere im Touring-Modell mit engen Zeitplänen und komplexen gesetzlichen Vorgaben. Und Susanne Otta bewertet die zunehmende öffentliche Debatte als klares positives Signal.
Die Eventbranche steht damit an einem Wendepunkt. Zwischen Leidenschaft und Leistungsdruck, zwischen Adrenalin und Erschöpfung. Klar ist: Die strukturellen Herausforderungen sind real – und sie sind messbar. Die Frage ist nicht mehr, ob es ein Problem gibt. Sondern wie lange sich eine Branche, die für unvergessliche Momente sorgt, leisten kann, die mentale Gesundheit ihrer Menschen zu übergehen.






