Selbstständig – oder längst nicht mehr?

Eine Branche ringt um ihre Arbeitsrealität – zwischen rechtlichen Grenzen, wirtschaftlichem Druck und widersprüchlichen Interessen. Ein auf mothergrid erschienener Text hat eine alte Frage neu aufgeworfen: Wer bestimmt eigentlich, wie in dieser Branche gearbeitet wird – und zu welchen Bedingungen?

Der Artikel „Viele Hände, prekäres Ende„, erschienen auf mothergrid im Dezember 2025, war nicht als Angriff gedacht. Es war der Versuch, etwas sichtbar zu machen, worüber die Branche ungern spricht: den Arbeitsalltag auf Produktionen, so wie er sich für viele anfühlt – kleinteilig, anstrengend, rechtlich unübersichtlich und sozial oft fragwürdig.Gleichzeitig hat der Text einen Vorwurf ausgelöst, der bis heute im Raum steht: Er romantisiere eine Form von Selbstständigkeit, die so längst nicht mehr existiere – oder zumindest so nicht mehr existieren dürfe.

Die Reaktionen fielen erwartbar gespalten aus. Für Marcus Pohl und Marc Stähly von der ISDV hat der Text einen Nerv getroffen. „Er hat ziemlich gut beschrieben, was für ein Wahnsinn da draußen passiert“, sagt Pohl. Für Christian Sommer (Ambion / VPLT) und Tobias Lange (PM Group) hingegen wirkt er wie eine Zeitreise: ein Blick auf Selbstständigkeit, der aus seiner Sicht an der aktuellen Realität vorbeigeht.

Beide beschreiben Teile der Realität – aber keine die ganze. Die Frage ist nicht, ob es Probleme gibt. Die Frage ist, wer sie definiert – und wer daraus Konsequenzen zieht.

Selbstständig – aber wie?

Im Kern dreht sich die Debatte um eine einfache, aber unbequeme Frage: Wer kann in der Veranstaltungswirtschaft heute überhaupt noch selbstständig arbeiten? Die Unternehmerseite ist hier klar. Tobias Lange beschreibt die typische Produktionsrealität: Ein Techniker bekommt einen Plan, setzt ihn um, arbeitet im Takt eines vorgegebenen Ablaufs.

Und genau dort beginnt das Problem. Nicht mehr nur klassische Weisungsgebundenheit ist entscheidend – sondern die Einbindung in eine Struktur, die jemand anderes definiert.

Oder, zugespitzt: Sobald jemand im Ablauf mitläuft, ist er Teil des Systems.

Ambion hat daraus Konsequenzen gezogen. „Es hat nichts mit den Menschen zu tun“, sagt Christian Sommer. „In unserer Auffassung ist es rechtlich einfach nicht möglich.“ Das ist eine klare Position – aber keine vollständige Lösung. Denn gleichzeitig bleibt das strukturelle Problem bestehen: Die Branche lebt von Spitzen, von kurzfristigem Bedarf, von Flexibilität.

Die Antwort darauf heißt häufig Arbeitnehmerüberlassung. Das Problem verschiebt sich – es verschwindet aber nicht. Marcus Pohl und Marc Stähly widersprechen nicht der Diagnose, aber der Schlussfolgerung. Selbstständigkeit ist für sie nicht grundsätzlich erledigt. Es gibt Tätigkeiten, Konstellationen, Spezialisierungen, in denen sie weiterhin funktioniert.

Was fehlt, ist kein Verbot. Was fehlt, ist Klarheit.

Das Statusfeststellungsverfahren: Sicherheit oder Unsicherheit?

Im Zentrum dieser Unklarheit steht das Statusfeststellungsverfahren der Deutschen Rentenversicherung. Es soll klären, ob eine Tätigkeit selbstständig oder abhängig ist – und damit Rechtssicherheit schaffen.

In der Praxis sorgt es oft für das Gegenteil. Für Unternehmen ist das Verfahren handhabbar, solange Prozesse sauber aufgesetzt sind. Für Selbstständige kann es existenziell werden. Eine negative Entscheidung bedeutet im Zweifel das Ende eines Arbeitsmodells, das über Jahre funktioniert hat. Das grundlegende Problem bleibt: Es gibt keine trennscharfen Kriterien für die Veranstaltungswirtschaft. Zu unterschiedlich sind die Tätigkeiten, zu dynamisch die Produktionsrealitäten.

Was bleibt, ist strukturelle Unsicherheit. Und die hat eine klare Konsequenz: Nicht die Klügsten oder die Fairsten prägen den Markt – sondern die, die bereit sind, rechtliche Risiken einzugehen. Oder anders gesagt: Wer sich an Regeln hält, ist oft im Nachteil.

Arbeitnehmerüberlassung: die Lösung, die für Stagehands keine ist

Die Arbeitnehmerüberlassung hat sich als Standard etabliert – insbesondere bei Stagehands. Formal schafft sie Sicherheit. Praktisch löst sie die grundlegenden Probleme nicht.

Marcus Pohl beschreibt einen Alltag, der sich trotz legaler Struktur kaum verändert hat: Menschen, die gebraucht werden wie Luft und Wasser – und behandelt werden wie austauschbares Material. „Die werden irgendwo unter der Treppe abgeparkt und haben gefälligst bereitzustehen.“ Formale Legalität und gelebte Wertschätzung sind zwei verschiedene Dinge. Und genau da zeigt sich, dass das Problem nicht nur ein rechtliches ist – sondern ein strukturelles.

Die Unternehmerseite widerspricht – zumindest für die eigene Praxis. Bei Ambion, so Sommer, gebe es keinen Unterschied in der Behandlung. Alle hätten Zugang zum Catering, alle würden gleich behandelt.

Gleichzeitig wird eingeräumt, dass das nicht überall gilt. Gerade bei größeren Produktionen treten weiterhin Strukturen zutage, die mit professionellen Standards wenig zu tun haben. Tobias Lange beschreibt etwa Crews, die aus dem europäischen Ausland anreisen, in ihren Fahrzeugen übernachten und ohne ausreichende Schutzausrüstung arbeiten.

Das ist kein Randphänomen. Es ist eine ökonomische Logik. Wer sauber arbeitet, ist teurer. Und verliert im Zweifel Aufträge an diejenigen, die es nicht tun. „Regulierung ohne Kontrolle ist keine Regulierung“, sagt Christian Sommer. „Sie ist eine Belastung für die Seriösen und ein Freifahrtschein für die anderen.“

Zwei Richtungen, keine einfache Lösung

Einigkeit besteht in einem Punkt: Der Status quo funktioniert nicht. Was fehlt, ist Einigkeit über den Weg nach vorne. Die ISDV denkt in Richtung Professionalisierung. Stagehands als eigenständiger Beruf, mit klaren Qualifikationsstufen, mit Entwicklungsmöglichkeiten.

„Wir brauchen sie“, sagt Marcus Pohl. „Also sollten wir auch dafür sorgen, dass es ein echter Beruf wird.“ Gleichzeitig betont die ISDV, dass Selbstständigkeit nicht nur Freiheit bedeutet, sondern auch Verantwortung. Wer selbstständig arbeitet, muss sich selbst um Absicherung kümmern – insbesondere um Altersvorsorge. Die ISDV versucht, ihre Mitglieder für dieses Thema zu sensibilisieren und deutlich zu machen, dass unternehmerische Freiheit ohne eigene Vorsorge schnell zur Falle werden kann.

Die Unternehmerseite argumentiert stärker systemisch. Tobias Lange formuliert es offen: Eine umfassende Sozialversicherungspflicht würde das Problem zumindest rechtlich lösen. Auf dem Papier eine klare Lösung.
In der Praxis ein tiefer Eingriff in eine Branche, die von Flexibilität lebt.

Dass sich an dieser Gemengelage etwas ändern muss, ist inzwischen auch politisch angekommen. Erste Vorschläge zur Reform der privaten Altersvorsorge liegen auf dem Tisch – sie zeigen, wohin die Reise gehen könnte.
Die eigentlichen Probleme der Branche lösen sie allerdings nicht:

Was bleibt

Der eingangs erwähnte Artikel „Viele Hände, prekäres Ende“ vom Dezember 2025 hat keinen Konsens geschaffen. Aber er hat sichtbar gemacht, wo die Konfliktlinien verlaufen. Für die einen beschreibt er eine Realität, die sich dringend ändern muss. Für die anderen ein Bild, das so längst nicht mehr stimmt – zumindest nicht überall.

Was beide Seiten verbindet: Die Branche hat ein strukturelles Problem im Umgang mit Arbeit. Es geht um Organisation, um Verantwortung, um Wertschätzung – und um die Frage, welche Formen von Arbeit in Zukunft überhaupt noch möglich sein sollen.

Die entscheidende Frage ist schon längst nicht mehr, ob sich etwas ändern muss. Die Frage ist, in welche Richtung.

Hier die beiden Interviews in voller Länge:

Interview mit Christian Sommer (Ambion / VPLT) und Tobias Lange (PM Group)

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Interview mit Marcus Pohl und Marc Stähly (ISDV)

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