Anzeige

Nook Schoenfelds Stories (11): Atmosphärische Ingenieurskunst

Nook Schoenfeld ist Lichtdesigner und Geschichtenerzähler mit Erfahrung. Auf mothergrid erscheinen seine Geschichten jetzt erstmals auf Deutsch.

Anzeige


Vor Jahren reiste ich mit einer sehr resoluten und anspruchsvollen Künstlerin um den Globus. Sie verlangte von sich selbst wie auch von der Crew Perfektion. Im Grunde durften wir keine Fehler machen. Aber Mutter Natur wollte einfach nicht mitspielen. Sie legte sich täglich mit uns an.

Old Man Musings – Atmosphärische Ingenieurskunst

Wir hatten bereits auf zwei Kontinenten gespielt, bevor wir in Europa eine Reihe von Konzerten unter freiem Himmel gaben, wo Sonnenlicht, Wind und Regenschauer uns täglich in die Quere kamen. In Skandinavien zum Beispiel spielten wir ein paar Shows im Freien. Die Sonne ging dort erst nach 22 Uhr unter und um 2 Uhr morgens wieder auf. Um die fehlende Dunkelheit zu kompensieren, begannen wir die Shows um 22 Uhr, als es noch dämmerte, und mussten dann bei Sonnenaufgang abbauen.

Die Künstlerin war nicht gerade erfreut, dass die Show bei Sonnenschein begann, wir waren aber dazu gezwungen, da die Leute mit öffentlichen Verkehrsmitteln nach Hause fahren mussten, und die Show etwa drei Stunden dauerte. Da es bei diesen Vorstellungen windstill war, setzten wir viel Nebel ein. So konnten die Zuschauer die Beams und überhaupt eine Licht-Show sehen, auch wenn die Sonne noch schien. Innerhalb von 30 Minuten nach Konzert-Start war es dann dunkel und die Show zeitlich so abgestimmt, dass sie vor Sonnenaufgang endete. Es waren nicht die optimalen Bedingungen, aber wir kamen ohne großes Gezeter über die Runden. Bis wir in den Süden fuhren.

Denn einen Monat später waren wir für ein paar Vorstellungen in Spanien. Die erste war in einem neuen Stadion in Barcelona, direkt am Mittelmeer. Das Wetter war großartig, aber die Show begann früh – ebenso wie in Skandinavien hatten wir noch ein bisschen Tageslicht. Der große Unterschied war diesmal, dass der Wind vom Meer kam und ziemlich stark war. Direkt mit dem Start der Performance wird mir klar, dass wir in Schwierigkeiten stecken, denn es gibt immer noch Sonnenlicht, aber buchstäblich keine Atmosphäre. Alles an Nebel und Haze wurde sofort in den Himmel und aus dem Stadion hinausgefegt. Es war buchstäblich nichts von unseren Scheinwerfen bzw. irgendwelche Lichtstrahlen zu sehen… Das war definitiv kein Spaß, denn diese Künstlerin hasst es, wenn Gott sich in ihre Kunst einmischt.

Bei dieser Show musste ich ständig manuell eingreifen und Stimmungen live über das Lichtpult fahren. Stellt euch das in etwa so vor: Disco, gemischt mit etwas Religion und großen Balladen. Aber nicht ein Einziges unserer Lichter war zu sehen, weil die Sonne schien und der Nebel schneller weg war als wir ihn produzierten. Es war dann beim dritten Song, als mir am Pult jemand auf die Schulter tippt…

 der Tourmanager:

„Die Chefin möchte dich sprechen.“
„Jetzt, mitten in der Show?“
„Ja, sie hat mich hierher geschickt, um dich hinter die Bühne zu bringen.“
„Nein, das geht nicht. Ich bin gerade mitten in einer Show. Ich kann nicht aufhören.“
„Sie will dich trotzdem sehen.“
„Ich werde in der Garderobe vorbeikommen, sobald die Show vorbei ist.“
„Was soll ich ihr sagen, sie hat mich geschickt, um dich zu holen.“
„Sag ihr, dass die Show weitergehen muss.“

Nach der Show gehe ich mit meinem Produktionsleiter in den Green Room, um mir eine ordentliche Standpauke der Künstlerin wegen mangelnder Vorbereitung anzuhören.

„Du hättest das mit dem Wind wissen müssen.“
„Bei allem Respekt, Ma’am, wir haben hier bis heute Morgen um sechs Uhr an der Beleuchtung gearbeitet. Letzte Nacht war kein Wind und wir wurden überrascht.“
„Das ist mir scheißegal, es ist dein Job, dafür zu sorgen, dass wir genug Nebel haben. Und jetzt raus hier.“

Wir gehen mit gesenkten Köpfen hinaus, getröstet durch die Gewissheit, dass es nur noch ein paar Shows sind, bevor die Tournee endet. Ein paar Tage vergehen und wir sind in Madrid, mitten im Land, 380 Meilen westlich des Mittelmeers. Es ist windstill. Aber wir waren auf alles vorbereitet. Am Vortag hatten wir über Nacht sechs weitere Hochleistungs-Nebelmaschinen vom Typ F-100 von Light & Sound Design erhalten. Damit verfügten wir nun über insgesamt zehn dieser Maschinen.

Anzeige

Alle Nebelmaschinen auf Vollgas

Die Show beginnt am nächsten Abend zu einer normalen Zeit. Es ist also stockdunkel. Ich habe die 60 Meter breite Bühne mit den F-100-Maschinen bestückt – alle laufen auf Vollgas. Sie mussten alle manuell bedient werden, da wir weder DMX noch Fernbedienungen hatten, um die sechs neuen Modelle für die heutige Show einzubinden. Ich habe also die gesamte Beleuchtungs-Crew plus einige Helfer bereitstehen, um alles was geht an Nebel abzufeuern, sobald das Einlass-Licht ausgeht.

Die Eröffnung der Show bestand aus etwa acht Minuten mit Tänzern und Kulissen in Bewegung, bevor die Sängerin ihren großen Auftritt hatte. Während die Musik läuft, fange ich an, Lichtakzente zu setzen und merke sofort, dass ich tot bin.

Es ist so viel Nebel auf der Bühne, dass ich niemanden sehen kann, und er löst sich einfach nicht auf, er hängt über der gesamten Bühne. Ich setze mein Headset auf, um John Hoffman, meinen Techniker auf der Bühne, anzurufen, damit er den ganzen Nebel stoppt. Aber außer meinen Verfolgerfahrern ist niemand in der Sprechanlage. John hat eine der Nebelmaschinen bedient. Wir sind vier Minuten im Intro, als John das Headset aufnimmt und fragt, ob er die Maschinen abschalten soll, da niemand etwas sehen kann. Er tut es und die Nebler werden gestoppt. Langsam steigt der Nebel auf, und nach etwa sechs Minuten kann ich endlich die Tänzer auf der Bühne erkennen und die Lichter knallen.

Leider hat die Künstlerin ihren Auftritt jeden Abend auf einer 15 Fuß hohen Treppe. Der Rauch hing dort noch verdammt dicht – ich wusste, dass ich aufgeschmissen war. Ich setze alle sechs Front-Verfolger ein, um sie auf mein Kommando hin zu beleuchten. Die Bediener sind allesamt englischsprachige Lkw-Fahrer, die sich mit dem Betrieb von Scheinwerfern jede Nacht etwas dazuverdienen. Sie wissen, wo sie ihren Auftritt hat. Ich informiere die Jungs, dass sie zwar den Star nicht sehen werden, aber die Treppe beleuchten sollen, damit sie ins Licht treten kann.

Als ich den Nebel so beleuchte, der den Künstler vom Publikum trennt, höre ich über die Lautsprecheranlage nur, „Hallo Madrid….., #$@& dich Nookie“…

Ich bin mir nicht sicher, was sie an diesem Abend wirklich sagte, da ich ein Headset trug – aber ich bin mir ziemlich sicher, dass ich die Grundaussage verstanden hatte. Drei Minuten später klopft es mir wieder auf die Schulter – der Tourmanager:

„Sie will dich sofort auf der Bühne sehen.“
„Das geht nicht, es sei denn, du erlaubst mir, die Show für 15 Minuten zu unterbrechen.“
„Du weißt, dass wir das nicht tun können.“
„Nun, niemand sonst weiß, welche Knöpfe man zum richtigen Zeitpunkt drücken muss, also werde ich nach der Show zu ihr gehen.“

Wieder einmal kommen der Produktionsleiter und ich in der Garderobe an, um uns zusammenfalten zu lassen. Fünf Minuten lang stand ich einfach nur da, bis die Künstlerin sagte:

„Nun, was hast du dieses Mal zu deiner Verteidigung zu sagen?“

Der Produktionsleiter sieht mich an, und versucht zu antworten, als ich bereits loslege.

„Hören Sie, Sie sind die Frau, die einen direkten Draht zu dem Typen da oben hat. Wir lassen in religiösen Szenen Kreuze über die Bühne fliegen. Sie sprechen mit dem Allmächtigen, warum können Sie die Umstände für Ihre Show nicht selbst verbessern? Sagen Sie dem Mann da oben, dass Sie während Ihres Auftritts keinen Wind oder Regen wollen, und er soll dafür sorgen, dass es dunkel ist, egal wie spät, sobald die Show startet!“
Dem Produktionsleiter fällt die Kinnlade herunter, während die Künstlerin zwischen uns beiden hin und her schaut. Nach fünf Sekunden merkt sie, dass sie nichts entgegnen kann und fängt an zu lachen.

„Mach, dass du wegkommst, Nookie. Ich werde mit dem Kerl da oben über unsere letzte Show reden. Drück einfach auf die Tasten und achte auf den Nebel.“

Wir gingen lächelnd aus dem Raum. Draußen wartet der Tourmanager, um zu sehen, ob ich gefeuert wurde, und klopft mir noch einmal auf die Schulter…

„Was ist so lustig, wie ist es gelaufen?“
„Super. Aber ich werde nach dieser Woche kündigen. Ich kann nicht mehr mit ihr und Gott um das perfekte Wetter für die Show wetteifern. Ich habe alles in ihre Hände gelegt.“

Die letzte Show wurde gefilmt und verlief einwandfrei. Wir haben die zusätzlichen Nebelmaschinen im Innenbereich des Stadions platziert, mit Bühnenarbeitern nebst Headsets, um sie zu bedienen. Wir ließen den Rauch die ganze Nacht hindurch laufen, und am nächsten Nachmittag hatten wir einen herrlichen Dunst in der gesamten Arena, der die ganze Show über anhielt. Das Wetter war perfekt und die Sonne ging um 8:45 Uhr unter, genau wie Gott und der Künstler es geplant hatten.

Links:

 

 

Es folgt das Video

https://www.youtube.com/watch?v=

close

Erzähl allen, wo Du es zuerst gesehen hast: Im Newsletter von mothergrid!

Nur Inhalte, Informationen in unserer Datenschutzerklärung.

Anzeige