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Durch die Hölle in den Himmel


Wie der Quereinsteiger Klaus Leutgeb die Messe München-Riem zur Mega-Bühne für Helene Fischer, Andreas Gabalier und Robbie Williams macht.

VON MICHAEL ZIRNSTEIN / SÜDDEUTSCHE ZEITUNG

Da oben ist es ganz schön wacklig. Wenn Klaus Leutgeb zuckt auf der mannshohen Rollkiste, ruckelt es. Sieht aber überragend aus. Findet der Fotograf. Leutgeb trägt einen grauen Karo-Anzug, Hornbrille und Rockabilly-Scheitel. „Prima, prima, prima“, feuerte der Fotograf ihn an. Klickklickklick. Auch die Kulisse ist imposant: die fast fertig aufgebaute Konzertbühne auf dem Freigelände der Messe München-Riem. „Ein Monster“, sagt der Mann auf der Kiste dazu. Er hat sie hier aufstellen lassen: „Wir haben den Drachen aus dem Käfig gelassen.“

Das Vieh hat 150 Meter. Ist drei mal so breit wie die aktuelle Arbeitsplattform der Gigantomanen Rammstein. Nach oben bleibt dieses „multifunktionale Wunderwerk“ offen, da geht der Himmel auf und spielt mit 5.000 Scheinwerfern und Lichtbahnen in bayerischer Rautenform. Leutgeb hat „etwas gegen Guckkastenbühnen“, also gibt es kein Dach. Falls es regnet, stellen sich die Musiker unter einer zweiten Ebene unter, die sie bei trockenem Wetter per Stiege oder Lift erreichen und bespielen können. Diese Brücke allein ist 50 Meter breit, wie die Stadionbühne der Rolling Stones. Es fühlt sich jetzt schon an beim Aufbau, als stünde man unter der Benediktenwand. Der Mann da oben erinnert sich daran, dass er „eigentlich eine Höhenangst“ hat und lieber runter möchte von der Kiste.

Was ein wenig verwundert, weil Leutgeb Österreicher ist. Er hat Ski-Openings etwa in Schladming gestemmt, das sind Massenpartys mit Konzerten. Aber so etwas Gigantisches wie in München ist neu für den 52-Jährigen, die „größte Herausforderung“ seines Lebens, die schlimmste und zugleich die schönste. Er will: „Dinge tun, die andere nicht tun.“ Nun wuchs bei ihm die Idee, ein Konzert mit Andreas Gabalier in München zu veranstalten, und zwar ausgerechnet bei einem Andreas-Gabalier-Konzert in München. Er schnappt sich da also einen fix und fertigen Dirndl- und Lederhosen-Magneten, den andere groß gemacht haben. Aber Leutgeb dachte eben noch größer, „einmaliger“, an ein „Volks-Rock’n’Roller-Fan-Festival“ mit Rummelplatz für den Pop-Bergprediger, nicht mit 70.0 00 Besuchern, sondern mit 150.0 00 dort, wo bereits ein Papst gesegnet hatte.

Leutgeb steht inmitten einer Arena-Baustelle mit zehn Tribünenblöcken, die in ihrer Diamantform und Dimension an ein amerikanisches Baseball-Stadion erinnert. Wo dort Schlagmann und Werfer im Zentrum stehen, werden hier im August alle Augen auf Andreas Gabalier, Helene Fischer und Robbie Williams gerichtet sein. Denn als der Veranstalter das Massenspektakel mit Gabalier wegen Corona zweimal verschieben musste, packte er noch zwei weitere Entertainment-Spitzenreiter dazu, damit sich der Riesenaufwand lohnt. Wobei, das mit der Rendite wird sehr, sehr knapp, obwohl bei Helene Fischer schon etwa 130.000 Tickets verkauft seien, bei Williams und Gabalier immerhin 90.000 (bei Ticketpreisen von 70 bis 600 Euro). Insgesamt seien 5.000 Mitarbeiter mit dem Projekt beschäftigt, die Ausrüstung werde in 500 Sattelschleppern herangekarrt. Aber durch Pandemie, Ukrainekrieg und Energiekrise seien die Kosten explodiert, was ihm „viele schlaflose Nächte bereitet“ habe.

Das Mitleid der ortansässigen Veranstalter für den neuen Konkurrenten hält sich in Grenzen. Von den ersten Gerüchten an bildeten sie eine Front gegen den einstigen Sturm-Graz-Vize, Badesee- und Nachtclubbetreiber. Vor allem wunderten sie sich doch sehr darüber, wie locker die Stadt einem Auswärtigen diese für Parkplätze und Flohmärkte reservierte Fläche zu Füßen legte, für die sie sich schon ewig beworben hätten. Das Wort „Mauschelei“ fiel oft. Leutgeb freilich beklagte „Neid, Missgunst und Ego“, und dass die, die keine Ideen hatten, ihn, den „Visionär“, angriffen und damit letztlich dem Kulturort München schadeten. Er wollte die Stadt „als einen der wichtigsten Schauplätze für die internationale Musik-Szene, vergleichbar mit der Open-Air-Serie im Londoner Hyde-Park“ etablieren. „Die Bilder werden um die Welt gehen“, sagt Leutgeb. So überzeugte er Wirtschaftsreferent und Tourismus-Chef Clemens Baumgärtner, sich für ihn im Rathaus und bei der Messe stark zu machen. Zuletzt argwöhnte die Konkurrenz, man habe es Leutgeb mit den Genehmigungen viel leichter gemacht als ihnen selbst. Will der Grazer freilich so nicht stehen lassen. Es gebe „in keinster Weise eine Erleichterung“, gerade säßen einhundert Behördenvertreter im Kongresszentrum und würden alles „auf Punkt und Beistrich prüfen“. Er dreht das in eine Lobeshymne auf die „unglaublich professionell ausgebaute Behördenstruktur in München“ und auf die Vertreter von Polizei, KVR, Brandschutz und Messe um: „Ich bin wahnsinnig froh, hier zu sein, am Ende des Tages brauchst du jemand, der dich kritisch hinterfragt.“ Allein die Blitzschutzanlage habe 500.0 00 Euro gekostet, nichts liege ihm mehr am Herzen als die Sicherheit der Besucher.

Leutgeb will nicht der Buhmann sein. Er ist in der Kinderkrebshilfe und bei „Licht ins Dunkel“ aktiv und Schwager von DJ Ötzi (bekanntlich ein Herzensguter), lässt er fallen. Er kann einen schon mitreißen. So auch Gabalier, Fischer und Williams, die er persönlich angerufen und um den Finger gewickelt hat. Einwände der Kontrahenten, da hätte ein dickes Scheckbuch gereicht, um mal schnell „drei Galas“ einzukaufen, kratzen an Leutgebs Veranstalterehre.

Er, der „viel zu Fuß gehen musste im Leben“, sei endlich da, wo er immer hinwollte, bei seinem Traum, kreativ zu sein. „Das werden einmalige Shows, wie es sie noch nie gegeben hat.“ Und auch nicht auf der Fischer-Tour 2023 geben werde. Die Schlager-Königin probe schon seit drei Wochen mit ihrem Team neue Tänze und nie gesehene Akrobatik-Stunts nur für diese Show. Für ihn sind Fischer, Gabalier und Williams die besten Live-Künstler der Welt, die „mit dem Publikum eine Einheit bilden“.

Nur deswegen, und wegen der für jeden noch einmal auf Maß umgeschneiderten Bühne, könne es in der Riesenhaftigkeit klappen. Für die Kritik von Olympiapark-Chefin Marion Schöne, da werde jeder Gast nur ein kleines Menschlein auf der Bühne sehen, sei er „dankbar“ gewesen. Er habe daraufhin optimiert: Wie im Olympiastadion sei niemand weiter als 168 Meter von der Bühne entfernt, er habe 2.000 Quadratmeter LED-Schirme angeschafft und 18 Lautsprechertürme im Gelände verteilt, nicht um lauter zu sein, sondern um punktgenau jedem die selbe Schallqualität zu bieten – „das habe ich mir bei den Bregenzer Festspielen abgeschaut“. die Bühne hat sein Kumpel Flo Wieder entworfen, ein Münchner, der von L.A. aus für TV-Shows vom ESC über die „MTV Awards“ bis „American Idol“ zaubert; der Lichtdesigner, Roland Greil, auch ein Münchner, hat zuletzt Rammstein in Flammen aufgehen lassen; die Londoner Firma Wonder Works plane sonst für die Olympischen Spiele. Er wolle nur das Beste für seine Besten. Da kann einem schwindlig werden. Leutgeb kraxelt aus der Höhe wieder auf Asphalt herab. Auch bei der Zukunft mit der Messe schielt er nicht nach neuen Gipfeln: Die Lage sei zu unsicher gerade, sagt er, er habe erst einmal nichts Größeres in der Pipeline.

Andreas Gabalier, Samstag, 6. August / Helene Fischer, Samstag, 20. August / Robbie Williams, Samstag, 27. August Messe Riem

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